Hannah Arendts Theorie des Bösen

Hanna Arendt betrachtet in ihren Vorlesungen über das Böse (1965) die Person Adolf Eichmanns, der während der Zeit des Nationalsozialismus an der Organisation und Koordination des Holocaust beteiligt war, auf ihre Erscheinung während des Gerichtsverfahrens in Jerusalem im Jahr 1961. Arendt bemerkt, dass die Person Eichmanns insofern problematisch ist, als sie sich nicht mit typischen „Schurken“ vergleichen lässt, wie sie sich in der klassischen Literatur finden. Sie stellt fest, dass das „radikale Böse“ bei Figuren wie Jago (in Shakespeares Othello) oder Claggart (in Melvilles Billy Budd) immer eine Tiefenstruktur besitzt, die durch Verzweiflung charakterisiert ist. Mehr noch: Durch diese charakteristische Tiefe seien die klassischen Schurken von einer „Aura von Vornehmheit“ umgeben. Das radikale Böse, welches Arendt im Ausgang von Kant bei Figuren wie Jago oder Claggart zu entdecken glaubt, hat Motive und Gründe – Wurzeln, die sich in einer Tiefendimension erstrecken. Der Bösewicht erhält dadurch gerade sein typisches Profil. Diese Vornehmheit und Tiefe kann Arendt bei Eichmann nicht finden: „Das größte Böse ist nicht radikal, es hat keine Wurzeln, und weil es keine Wurzeln hat, hat es keine Grenzen, kann sich ins unvorstellbar Extreme entwickeln und über die ganze Welt ausbreiten.“ Damit drückt Arendt aus, dass in modernen totalitären Systemen das Böse nicht mehr an verantwortliche Individuen gebunden zu sein scheint. Vielmehr erlaubt es das System, sich selbst als Individuum aufzulösen, die Verantwortung zu delegieren: „Die größten Übeltäter sind jene, die sich nicht erinnern, weil sie auf das Getane niemals Gedanken verschwendet haben, und ohne Erinnerung kann nichts sie zurückhalten.“ Eichmann war nach Arendt gerade keine Persönlichkeit, die wie ein klassischer Schurke aus tiefer Verzweiflung heraus das Böse getan hatte: „Das Lästige an den Nazi-Verbrechern war gerade, daß sie willentlich auf alle persönlichen Eigenschaften verzichteten, als ob dann niemand mehr übrigbliebe, der entweder bestraft oder dem vergeben werden könnte. Immer und immer wieder beteuerten sie, niemals etwas aus Eigeninitiative getan zu haben; sie hätten keine wie auch immer gearteten guten oder bösen Absichten gehabt und immer nur Befehle befolgt.“ Das spezifisch moderne Böse ist nach Arendt insofern nicht mehr an bestimmte Täter gebunden, sondern gleicht einer Form oder einem Mechanismus, der scheinbar automatisch abläuft: „Das größte begangene Böse ist das Böse, das von Niemanden getan wurde, das heißt, von menschlichen Wesen, die sich weigern, Personen zu sein.“ In diesem anonymen Mechanismus des Bösen wollte Eichmann „sturköpfig ein Niemand bleiben“ und erwies „sich als unfähig, mit Anderen zu kommunizieren, die, ob nun gut, böse oder in dieser Hinsicht unbestimmbar, zumindest aber Personen sind.“ Deswegen verändert sich die Perspektive auf das Böse in totalitären Systemen weg vom Täter, der nicht mehr greifbar wird, hin zum Opfer: „[D]as wirklich Böse ist das, was bei uns sprachloses Entsetzen verursacht, wenn wir nichts anderes mehr sagen können als: Dies hätte nie geschehen dürfen.“ Das spezifisch moderne Böse ist also nach Arendt im Gegensatz zu klassischen Formen des Bösen dadurch ausgezeichnet, dass es sich der Kommunikation, des Dialogs und der Erinnerung und Verantwortung entzieht. An dieser Stelle muss jedoch an Arendt kritisch zurückgefragt werden, ob nicht gerade die Tatsache, sich der Kommunikation zu entziehen, ein individuell zurechenbarer Akt ist. Die „Banalität des Bösen“ wäre dann nicht so sehr eine ontologische Qualifikation, als vielmehr ein willentlich erzeugter Schein der Unverantwortlichkeit, der aber gerade darin moralisch vorwerfbar verantwortungslos ist.  In ihrem Buch Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenmörders hat kürzlich Bettina Stangneth darauf hingewiesen, dass Eichmann wohl kein banaler Schreibtischtäter war, sondern sich in dieser Rolle bewusst vor Gericht inszenierte.

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