Reflexionen zum Geistbegriff

Es gibt wohl kaum einen anderen philosophischen Begriff, der so bedeutungsschwer und zugleich so wenig spezifisch ist wie der Begriff des Geistes. Er ließe sich darin höchstens mit dem Begriff des Absoluten vergleichen, und tatsächlich ist Hegels Philosophie gerade durch den Verbund beider Begriffe – den „absoluten Geist“ – berühmt – und berüchtigt. Das Wort „Geist“ umfasst in der deutschen Sprache ein Bedeutungsspektrum, das auf den ersten Blick ganz unterschiedliche Bereiche betrifft und nur schwer einen roten Faden oder Zusammenhang erkennen lässt.

So kann „Geist“ einerseits allgemeine Phänomene wie etwa das Charakteristikum einer bestimmten Sprache, historischen Epoche, Nation oder Religion bedeuten, etwa in Form eines „kollektiven Gedächtnisses“ (Jan Assmann). Zum andern kann das Wort aber auch gerade die individuelle Intellektualität und Aktion bezeichnen, etwa dann, wenn jemand ‚geistreich‘ genannt wird, weil er ‚gewitzt‘ Zusammenhänge und Einheit erblickt, wo andere nur Vereinzelung und Trennung vermeinen. Das deutsche Wort „Geist“ umfasst die Bedeutungen der griechischen Wörter „logos“, „nous“, „pneuma“, „thymós“, „daimon“ und auch „psyché“, entsprechend im Lateinischen Wörter wie „ratio“, „mens“, „spiritus“, „animus“, „anima“, „genius“ und „sensus“.[1] Der in München geborene Philosoph Max Scheler hat aufgrund dieser Poysemie auch davon gesprochen, dass „selten mit einem Worte so viel Unfug getrieben worden [ist, wie mit dem Wort „Geist“], einem Worte, bei dem sich nur wenige etwas Bestimmtes denken“.[2]

Gemein ist allen diesen Verwendungsweisen von „Geist“ dennoch eine spezifische Form von Rationalität oder besser: Intelligibilität, die die Einheit in der Vielheit deutlich und charakteristisch macht. Diese Intelligibilität und Bestimmtheit im doppelten Sinne des Wortes ‚aufzuweisen‘ – sie zu haben und unter Beweis zu stellen – gleich einem „Aha-Effekt“, könnte als ein Spezifikum des Geistes gelten, oder anders formuliert: Derjenige ist geistreich, der den Geist einer Sache bestimmt erkennt und sich darin mit der Sache zugleich verbindet. „Geist“ wäre so verstanden nicht so sehr etwas Bestimmtes, dinglich innerweltlich Vorkommendes, sondern ganz allgemein die Bedingung der Möglichkeit von Bestimmtheit, von Sinn und Verständlichkeit solcher Phänomene, die ansonsten ‚stumm‘ und ‚taub‘ bleiben. Jemand ist diesem Verständnis zufolge genau dann geistreich, wenn er den ‚toten Buchstaben‘ semantisch vitalisiert und in einem Beziehungsgeflecht transparent werden lässt. Deswegen ist besonders die Sprache und das sinnvolle Sprechen ein Zeichen von Geist, aber auch der ‚Sinn‘ für Geschichte und ganzheitliche Bildung. Im Sinne dieser doppelten Bedeutung von ‚Intelligibilität‘ besteht Geist damit im Vollzug des Verbindens von Individualität und Allgemeinheit, und zwar synchron – sprachlich – wie diachron – durch sinnvolle Geschichte und freie Bildung.

Der Begriff des Geistes scheint dazu geeignet zu sein, die Unterscheidung zwischen Subjektivität und Objektivität zu übergreifen, beide Perspektiven als Momente einer komplexeren Einheit zu verstehen. Dies mag ein Grund dafür sein, dass Hegel, anders als Kant, dem Begriff des Geistes eine dermaßen zentrale Rolle in seiner Philosophie zugewiesen hat. Aufgrund seiner Bedeutungsschwere und semantischer Überdetermination war und ist der Begriff des Geistes jedoch nicht selten Zugriffen ausgesetzt gewesen, die ihn auf einen bestimmten Gegenstandsbereich einschränken und somit „domestizieren“ wollen. Der Geist mag von einer bestimmten Richtung wehen, doch Winde drehen schnell und schlagen um, so dass er am besten in einem klaren Begriff aufgehoben wäre, der unmissverständlich und eindeutig ist. Der Versuch einer begrifflichen Domestizierung des Geistes hat deshalb nicht selten dazu geführt, dass er semantisch beschnitten wurde, etwa dann wenn er auf das angelsächsische Wort „mind“ reduziert wurde, welches überwiegend psychologisch konnotiert ist. Der englische Begriff „spirit“ dagegen scheint den Geist zu sehr in eine ’spirituelle‘ und ‚religiöse‘ Richtung einzuengen.

Im Gegensatz zu rein intellektualisitischen Begriffen wie „Verstand“ und „Vernunft“ kommt dem Geist eine eigentümliche Vitalität zu. Man ist von einer Sache „begeistert“, lässt sich „anregen“. Wer geistreich ist, der ist „gewitzt“, vermag unabhängig von vorgegebenen Regeln – die Sache des Verstandes und der Vernunft sind – kreativ zu wirken, etwa dann, wenn bewusst Regel gebrochen werden, um Neues zu schaffen.

Aber der Begriff des Geistes hat auch eine Dimension der Unverfügbarkeit und ‚Unheimlichkeit‘, etwa dann, wenn wir von ‚bösen Geistern‘ und Gespenstern reden.

Den Geist in seiner Vielgestatigkeit auf den Begriff zu bringen, ist selbst eine Form des Geistes.

[1] Vgl. Buchner (1973), S. 538.

[2] Scheler (2010), S. 28.

 

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