Zusammenfassung 2. Sitzung, 6.11.2019: Utilitarismus und Speziesismus

Die Frage, inwiefern nichtmenschliche Tiere Rechte und eine „Würde“ besitzen, der „Achtung“ entgegengebracht werden sollte, wie es der „Kodex der Tierärztinnen und Tierärzte Deutschlands“ formuliert, hängt entscheidend davon ab, über welche Eigenschaften und Fähigkeiten sie verfügen. Hier stellt sich wiederum die Frage, ob sich die Fähigkeiten nichtmenschlicher Tiere von denjenigen menschlicher Tiere nur graduell oder gar kategorisch unterscheiden. Die Evolution der Natur legt nahe, dass es hier nur graduelle Unterschiede gibt, da alle Lebensformen in einem Kontinuum zueinander stehen und die Natur „keine Sprünge macht“. Unsere alltäglichen Intuition jedoch legt die Auffassung nahe, dass wir als Personen kategorisch von allen anderen Tieren, selbst den nächst verwandten Menschenaffen, verschieden seien, da wir über exklusive Fähigkeiten wie Selbstbewusstsein und Denkvermögen verfügen und dadurch eine „Kluft“ zwischen uns und ihnen bestehe.

In seinem Buch „The Gap“ thematisiert der australische Anthropologe Thomas Suddendorf die Frage nach dieser Kluft. Er argumentiert dafür, dass diese Kluft deswegen besteht, da alle menschenähnlichen Zwischenglieder, die uns mit dem übrigen Tierreich verbinden, wie z.B. der Neandertaler, im Laufe der Zeit ausstarben: „The reason the current gap between animal and human minds seems so large and so baffling, then, may be because we have destroyed the missing links. By displacing and absorbing our hominin cousins, we might have burned the bridges across the gap, only to find ourselves on the other side of the divide, wondering how we got here.“ (2013, 13). Suddendorf argumentiert dafür, dass sich die menschlichen Fähigkeiten von den Fähigkeiten nichtmenschlicher Tiere dadurch unterscheiden, dass sie von den natürlichen Bedingungen unabhängig sind. So wird tierische Kommunikation zur prinzipiell unendlich variierbaren Sprache transformiert, Empathie in Moralität und das Erinnerungsvermögen in die Fähigkeit, sich auf gedankliche Zeitreisen zu begeben. Mit dieser Freiheit von unseren natürlichen Vorgaben können wir auch einen Sinn für Möglichkeiten entwickeln, also für Ereignisse, die sich ereignen könnten, aber nicht müssen. Dieser Gedankenspielraum erlaubt es uns, komplizierte Szenarien zu entwickeln, Pläne zu schmieden und unser leben nach individuellen Projekten auszurichten. Er erlaubt es uns aber auch, unsere Triebe und Neigungen aufzuschieben und aus einer gewissen Distanz zu reflektieren. Dies ist die Wurzel unserer Freiheit des Willens.

Der australische Philosoph Peter Singer (* 1946) vertritt bezüglich nichtmenschlicher Tiere eine utilitaristische Ethik. Diese besagt, dass wir nicht nur unseren egoistischen Eigeninteressen folgen, sondern auch die Interessen anderer Lebewesen durch unser Handeln befördern sollten. Es geht dieser utilitaristischen Ethik darum, ganz konkret bei basalen Interessen von Lebewesen anzusetzen und nicht etwa, wie es Kants deontologische Ethik tut, allgemeine Prinzipien aufzustellen, an denen wir unser Handeln ausrichten sollemn. Diese ethische „Minimalposition“ besagt, dass die Interessen aller gleichermaßen berücksichtigt und gefördert werden sollen. Das „Prinzip der gleichen Interessensberücksichtigung“ darf jedoch nach Singer nicht nur auf Menschen und ihre Interessen beschränkt werden. Wir sind vielmehr dazu verpflichtet, „es als eine vernünftige moralische Basis für unsere Beziehungen zu denen außerhalb unserer Gattung anzuerkennen – den nichtmenschlichen Lebewesen.“ Singer nennt die Auffassung, wonach nur die Interessen der eigenen Art zu befördern seien „Speziesismus“, in Analogie zur Position des „Rassismus“.

Kritisch zu hinterfragen ist jedoch Singers These, dass alle Interessen gleichermaßen von Bedeutung sind. Es scheint, dass sich Interessen qualitativ weiter unterscheiden lassen. So ist das Interesse, etwas Bestimmtes zu essen von dem Interesse, eine Theateraufführung zu besuchen, klar unterschieden. Auch ist zu fragen, inwiefern nichtmenschliche Tiere wirklich über Interessen verfügen, oder ob sie nicht vielmehr nur „Präferenzen“, „Vorlieben“, „Triebe“ und „Bedürfnisse“ haben. Interessen scheinen vorauszusetzen, dass ihr Subjekt diese bewusst verfolgt und auch artikulieren kann. Interessen scheinen also unserer individuellen Freiheit zu entspringen. Insofern scheint es, dass Interessen einen höheren Wert besitzen als bloße Triebe oder Vorlieben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.