Zusammenfassung 4. Sitzung, 7.11.2019 – Blumenbachs Bildungstrieb

Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840) entwickelt eine Theorie des Bildungstriebes (nisus formativus) und versucht darin, seinen „Einfluß auf die Generation [Entstehung] und Reproduktion“ des Lebendigen zu untersuchen. Blumenbach berichtet von einem Polypen, den er in einem Bach gefunden hatte, und dessen Arme er versuchsweise abschnitt. Recht bald wuchs das abgeschnittene Teil wieder nach, wenn auch nicht mehr zu seiner vormaligen Größe. Eine ähnliche Beobachtung machte er bei einem Menschen, dessen tiefe Wunde langsam ausheilte, wobei aber eine sichtbare Delle blieb. Aus dieser Analogie leitet Blumenbach die These ab, „[d]aß in allen belebten Geschöpfen vom Menschen bis zur Made und von der Ceder zum Schimmel herab ein besondrer eingebohrner, lebenslang thätiger würksamer Trieb liegt, ihre bestimmte Gestalt anfangs anzunehmen, dann zu [Seite 250] erhalten, und wenn sie ja zerstört worden, wo möglich wieder herzustellen.“ Blumenbach grenzt den Bildungstrieb von anderen Kräften der Natur ab. Er ist „eine der ersten Ursachen aller Generation, Nutrition und Reproduktion“. Es kommt Blumenberg darauf an, den dynamischen Bildungstrieb von „bloß mechanischen Kräften“ zu unterscheiden. Der Bildungstrieb hat „einen großen Anteil an der Belebung der ganzen Schöpfung“. Die Aktivitäten der Zeugung, Ernährung und Regeneration sind „im Grunde bloße Modifikationen einer und eben derselben Kraft, die im ersten Fall baut, im andern unterhält, im dritten repariert.“ Blumenbach vertritt die These, dass diese drei Aktivitäten des Organismus ineinander graduell überführbar sind. Dies erklärt Blumenbach damit, dass eine Reproduktion eine wiederholte aber nur partielle Generation“ sei. Darin zeigt sich, dass diese drei Aktivitäten nur spezielle Ausformungen des ihnen zugrunde liegenden Bildungstriebes sind: „Nur der Anlaß der diesen Trieb in Würksamkeit setzt, und die Weise wie sich seine Würkung äussert, sind in zufälligen Umständen verschieden.“ (252) In der Reproduktion zeigt sich, „wie sehr die Natur eilt dem verstümmelten Geschöpfe nur so bald als möglich seine bestimmte Bildung wieder zu ersetzen“ (264). Nach Blumenbach hat jeder lebendige Organismus seinen eigenen Bildungstrieb. Mit heutigen Begriffen könnte man diesen Bildungstrieb als Stammzelle beschreiben, die dazu führt, dass sich manche Teile des Körpers wieder regenerieren.

Blumenbach grenzt diese Entstehungstheorie des Lebendigen von anderen Theorien wie der „Generatio aequivoca“ ab. Dieser zufolge stammen Lebewesen nicht von Vorfahren derselben Art ab, sondern von anderen Kontexten und Materialien. Blumenbach wendet sich gegen eine Präformationstheorie des Lebens. Er führt als Beispiel symbiotische Lebensformen wie die Mistel an, die nicht als solche, sondern nur in Gemeinschaft mit anderen Organismen existiert. Das Phänomen der Mutation, also dem Aus-der-Art-Schlagen von Lebewesen, erklärt Blumenbach dadurch, dass der Bildungstrieb von zufälligen äußeren Ursachen beeinflusst wurde. Dazu zählt er Faktoren wie das Klima. Dies zeigt, dass Blumenbach keine Präformations-, sondern eine Epigenesis-Theorie der natürlichen Entwicklung und Variation innerhalb der Arten annimmt. Äußere Umstände wie Gewohnheit und Landessitte werden so für den Menschen „gleichsam zur andern Natur und erblich“ (260). So erklärt Blumenbach die angeblich „flach anliegenden“ Ohren der Europäer dadurch, dass ihre Vorfahren häufig Mützen und Hüte getragen haben. Ebenso seien die Ureinwohner Amerikas deswegen bartlos, weil ihre Vorfahren sich immer den Bart abgeschnitten hätten.

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