Aristoteles über Zeit (Physik, IV, 10-14)

10. Es reiht sich aber an das Gesagte an, die Untersuchung in betreff der Zeit zu beginnen. Vorerst aber ist es gut, auch vermittelst der gewöhnlich vorgebrachten Gründe die Schwierigkeiten betreffs der Zeit, ob sie zu dem Seienden oder zu dem Nichtseienden gehöre, hervorzuheben, und hernach zu untersuchen, welches ihre Natur sei. Daß sie nun entweder gar nicht existiert oder daß sie kaum existiert und nur in unkenntlicher Weise, möchte man aus folgendem argwöhnen. Der eine Teil nämlich derselben ist schon gewesen und ist daher nicht mehr, der andere aber ist erst künftig und ist daher noch nicht; |
[218a] aus diesen Teilen aber ist sowohl die unbegrenzte Zeit als auch ein jedesmal herausgenommener Zeitteil zusammengesetzt, was aber aus Nicht-seiendem zusammengesetzt ist, [201] möchte wohl unmöglich an dem Sein teilhaben zu können scheinen. Zudem aber müssen von jedem teilbaren Dinge, wenn es eben teilbar ist, notwendig dann, wann es existiert, entweder alle seine Teile oder wenigstens einige existieren; von der Zeit aber sind die einen Teile schon gewesen, die anderen aber erst künftig, keiner aber existiert, während sie doch teilbar ist; das Jetzt aber ist kein Teil der Zeit, denn sowohl ein Maß des Ganzen muß der Teil sein, als auch muß das Ganze aus den Teilen zusammengesetzt sein, die Zeit hingegen scheint eben nicht aus den einzelnen vielen Jetzt zusammengesetzt zu sein. Ferner gerade von dem Jetzt, welches die Abgrenzung des Vergangenen und Künftigen zu sein scheint, ist es nicht leicht zu erkennen, ob es als ein und dasselbe immer beharrt oder immer ein anderes und wieder anderes ist. Denn wenn es immer ein Verschiedenes und wieder Verschiedenes ist, von den Teilen der Zeit aber nie einer mit einem anderen zugleich besteht (außer diejenigen, wovon der eine der Umfassende, der andere der Umfaßte ist, wie nämlich die kleinere Zeit von der größeren umfaßt wird). Alles aber, was jetzt nicht ist, früher aber war, notwendig einmal zu Grunde gegangen sein muß, so werden auch die einzelnen vielen Jetzt nicht zugleich miteinander bestehen, sondern es muß das jedesmal Frühere zu Grunde gegangen sein; nun aber ist es nicht möglich, daß es während seiner selbst zu Grunde gegangen sei, weil es damals ja war, daß aber in einem anderen Jetzt das frühere Jetzt zu Grunde gegangen sei, gebt auch nicht an, denn es möge als unmöglich gelten, daß die einzelnen Jetzt sich aneinander anreihen wie Punkt an Punkt; und wenn demnach das frühere Jetzt nicht in dem nächstfolgenden zu Grunde gegangen ist, sondern in einem anderen, so würde es während der dazwischenliegenden einzelnen Jetzt, welche unbegrenzt viele sind, zugleich sein; dies aber ist eine Unmöglichkeit. Aber auch nicht immer als das nämliche kann das Jetzt beharren, denn von keinem teilbaren begrenzten Dinge gibt es bloß eine Grenze, weder wenn es nach einer Richtung hin kontinuierlich ist, noch wenn nach mehreren; das Jetzt aber ist eine Grenze, und eine begrenzte Zeit läßt sich annehmen. Ferner, wenn das, daß etwas zeitlich zugleich und weder früher noch später ist, eben nichts anderes ist, als daß es in dem nämlichen Zeitpunkte und in dem Jetzt ist, so würde, falls sowohl das Frühere als auch das Spätere in diesem bestimmten [203] einzelnen Jetzt ist, auch das im zehntausendsten Jahre Geschehene mit dem heute Geschehenen zugleich sein, und nichts wäre weder früher noch später als ein anderes. In betreff dessen nun, was der Zeit zukommt, mögen hiermit so viele Schwierigkeiten hervorgehoben sein. – Was aber die Zeit sei und welches ihre Natur sei, ist in gleicher Weise unklar sowohl infolge der überlieferten Ansichten als auch in betreff dessen, was wir früher durchgegangen haben. Die einen nämlich |
[218b] sagen, sie sei die Bewegung des Gesamten, andere aber, sie sei die Kugel selbst. Und doch ist von dem Umlaufe der einzelne Teil eine Zeit, aber ja nicht ein Umlauf, denn ein Teil eines Umlaufes ist, was man aus ihm herausnimmt, aber nicht selbst ein Umlauf. Ferner, wenn es mehrere Himmelsgebäude gäbe, so wäre in gleicher Weise die Zeit dann die Bewegung eines jedweden derselben, so daß zugleich viele Zeiten wären. Die Kugel aber des Gesamten schien die Zeit jenen, welche dies sagten, darum zu sein, weil alles sowohl in der Zeit als auch in der Kugel des Ganzen ist; dies Gesagte ist aber zu einfältig, als daß man die Unmöglichkeiten in betreff desselben näher erwägen müßte. – Da aber die Zeit zumeist eine Bewegung und eine Veränderung zu sein scheint, so dürfte dies zu erwägen sein. Die Veränderung nun und Bewegung eines jeden Einzelnen ist nur in dem Dinge selbst, welches sich verändert, oder da, wo eben das Ding selbst ist, welches bewegt wird und sich verändert; die Zeit aber ist gleichmäßig sowohl überall als auch bei allem. Ferner jede Veränderung ist schneller und langsamer, die Zeit aber ist dies nicht; denn das Langsam und Schnell ist eben durch die Zeit bestimmt (schnell, was in weniger Zeit viel bewegt wird, langsam aber, was in vieler Zeit wenig), die Zeit aber ist nicht durch Zeit bestimmt, weder in ihrem quantitativen noch in ihrem qualitativen Sein. Daß sie demnach nicht Bewegung ist, ist augenfällig; es möge aber für die gegenwärtige Untersuchung uns keinen Unterschied machen, ob wir sagen »Bewegung« oder »Veränderung«.
11. Aber in der Tat ja auch nicht ohne Veränderung ist sie; denn wann wir selbst in unserer Denktätigkeit uns gar nicht verändern oder eine Veränderung derselben nicht bemerken, so scheint uns keine Zeit verflossen zu sein, wie auch jenen nicht, von welchen der Mythos berichtet, daß sie in Sardinien bei den Heroen [205] schlafen, wenn sie einmal erwacht sein werden; denn solche knüpfen das frühere Jetzt mit dem späteren Jetzt zusammen und machen es zu Einem, indem sie das Dazwischenliegende wegen Mangels an Sinneswahrnehmung austilgen. Sowie nun, wenn das Jetzt nicht immer ein verschiedenes, sondern das nämliche und Eines wäre, es keine Zeit gäbe, so scheint auch, sobald jenes in seiner Verschiedenheit unbemerkt bleibt, das Dazwischenliegende dann nicht Zeit zu sein. Wenn demnach die Nicht-Annahme eines Seins einer Zeit sich uns dann ergibt, wann wir keine Veränderung abgrenzen, sondern unsere Seele in einem Einheitlichen und Unteilbaren ruhig zu bleiben scheint, hingegen dann, wann wir eine Veränderung wahrgenommen und abgegrenzt haben, wir auch sagen, es sei eine Zeit verflossen, so ist augenfällig, daß Zeit nicht ohne Bewegung und Veränderung ist. |
[219a] Daß also die Zeit weder Bewegung noch ohne Bewegung ist, ist augenfällig; wir müssen aber, da wir suchen, was die Zeit sei, zunächst, indem wir von da aus beginnen, auffassen, was an der Bewegung sie denn sei; denn zugleich nehmen wir Bewegung und Zeit wahr; nämlich auch wenn es finster ist und wir vermittelst des Körpers keine Einwirkung erfahren, aber in der Seele irgendeine Bewegung innerlich ist, so scheint hiermit sogleich auch eine Zeit verflossen zu sein; aber ja auch wann eine Zeit verflossen zu sein scheint, zeigt sich zugleich, daß auch eine Bewegung stattgefunden habe. Folglich entweder Bewegung oder irgend etwas an der Bewegung ist die Zeit, und da sie nun nicht Bewegung ist, so muß sie irgend etwas an der Bewegung sein. Da aber das Bewegtwerdende aus einem Etwas in ein Etwas bewegt wird, und jede Größe kontinuierlich ist, so folgt der Größe die Bewegung, denn darum weil die Größe kontinuierlich ist, ist auch die Bewegung kontinuierlich, weil es aber die Bewegung ist, so auch die Zeit; es scheint nämlich immer ebenso viele Zeit verflossen zu sein, als die Bewegung lange war. Das Früher und Später aber ist demnach zunächst ursprünglich im Orte, dort aber eben der Lage nach; da aber in der Größe das Früher und Später ist, so muß notwendig auch in der Bewegung das Früher und Später sein, entsprechend dem dortigen; aber ja auch nun in der Zeit ist das Früher und Später, weil immer von diesen das eine dem anderen folgt. Es liegt aber das Früher und Später bei denselben in der Bewegung, was nämlich gerade je einmal Bewe|gung [207] ist, sein Sein jedoch ist verschieden hiervon und nicht selbst Bewegung. Aber nun auch die Zeit ja erkennen wir, wenn wir die Bewegung abgrenzen, dadurch daß wir das Früher und Später abgrenzen, und dann sagen wir, es sei eine Zeit verflossen, wann wir von dem Früher und Später in der Bewegung eine Sinneswahrnehmung erfaßt haben; wir grenzen dieselben aber ab, indem wir sie gegenseitig als ein anderes und wieder anderes annehmen und zwischen ihnen wieder etwas Verschiedenes; wann wir nämlich die äußersten Punkte als verschieden von der Mitte denken, und unsere Seele zwei Jetzt ausspricht, das eine früher das andere später, dann und von diesem sagen wir, es sei eine Zeit, denn das durch das Jetzt abgegrenzte scheint Zeit zu sein, und diese Annahme möge uns auch zu Grunde liegen. Wann wir also das Jetzt als ein Eines wahrnehmen und nicht entweder als ein früheres und späteres in der Bewegung oder, wenn auch als das nämliche, doch als das nämliche von einem Früheren und einem Späteren, so scheint keine Zeit verflossen zu sein, weil auch keine Bewegung; wann hingegen wir das Früher |
[219b] und Später wahrnehmen, dann sprechen wir von einer Zeit; denn dies ist eben die Zeit: Zahl einer Bewegung nach dem Früher und Später. Nicht also Bewegung ist die Zeit, sondern nur inwiefern die Bewegung Zahl hat; ein Kennzeichen hiervon aber ist folgendes: das Mehr und Weniger nämlich beurteilen wir durch die Zahl, die mehrere und wenigere Bewegung aber durch die Zeit; irgendeine Zahl also ist die Zeit. Da aber Zahl eine doppelte Bedeutung hat (denn sowohl das Gezählte und Zählbare nennen wir Zahl als auch dasjenige, vermittelst dessen wir zählen), die Zeit aber das Gezählte und nicht jenes ist, vermittelst dessen wir zählen, ein immer wieder verschiedenes aber jenes, vermittelst dessen wir zählen, und auch das Gezählte ist, so ist also auch wie die Bewegung eine andere und wieder andere ist, ebenso dies auch die Zeit; die gesamte Zeit zusammen aber ist eine und dieselbe; denn das Jetzt ist das nämliche, was es gerade je einmal war, seinem eigentlichen Sein nach aber ist es ein immer wieder Verschiedenes. Das Jetzt aber mißt die Zeit, inwiefern es ein früheres und späteres ist; es besteht aber das Jetzt einerseits als immer das nämliche, andrerseits als nicht immer das nämliche, denn inwiefern es in einem anderen und wieder anderen Zeitpunkte ist, ist es ein immer wieder verschiedenes (dies aber war uns so [209] eben für dasselbe das eigentliche Sein des Jetzt), inwiefern aber das Jetzt jenes ist, was es gerade je einmal ist, ist es das nämliche. Denn es folgt, wie bemerkt wurde, der Größe die Bewegung, dieser aber die Zeit, wie wir sagen; und in gleicher Weise denn nun folgt dem Punkte das räumlich Bewegtwerdende, vermittelst dessen wir die Bewegung und das Frühere und das Spätere in derselben erkennen; dies Bewegtwerdende aber ist als dasjenige, was es gerade je einmal ist, ein und dasselbe (entweder nämlich ein Punkt oder ein Stein oder etwas anderes dergleichen ist es), dem Begriffe nach aber ist es ein immer anderes, sowie die Sophisten es als etwas Verschiedenes nehmen, daß Koriskos im Lyceum ist, und daß Koriskos auf dem Markte ist; auch jenes demnach ist dadurch, daß es anderswo und wieder anderswo ist, ein immer wieder Verschiedenes. Dem räumlich Bewegtwerdenden aber folgt das Jetzt wie die Zeit der Bewegung folgt, denn durch das räumlich Bewegtwerdende erkennen wir das Früher und Später in der Bewegung, inwiefern aber das Früher und Später zählbar ist, ist es das Jetzt, so daß auch hierbei jenes, was gerade je einmal das Jetzt ist, ein und dasselbe ist (denn früher und später ist es das in der Bewegung Vorhandene), sein Sein aber ist ein verschiedenes, denn eben inwiefern ein Zählbares das Früher und Später ist, ist es das Jetzt. Aber dies ist auch sehr kenntlich, denn sowohl die Bewegung besteht vermittelst des Bewegtwerdenden als auch die Raumbewegung vermittelst des räumlich Bewegtwerdenden, denn das räumlich Bewegtwerdende ist ein bestimmtes Etwas, die Bewegung aber nicht. Es wird also nun das Jetzt in gewissem Sinne als immer das nämliche bezeichnet, in gewissem Sinne aber nicht als immer das nämliche, denn es ist so auch mit dem räumlich Bewegtwerdenden. Augenfällig aber ist auch, daß sowohl, wenn es keine Zeit gäbe, |
[220a] es kein Jetzt gäbe, als auch wenn es kein Jetzt gäbe, es keine Zeit gäbe; denn zugleich besteht, sowie das räumlich Bewegtwerdende und die Raumbewegung, so auch die Zahl des räumlich Bewegtwerdenden und die Zahl der Raumbewegung; die Zeit nämlich ist die Zahl der Raumbewegung, das Jetzt aber wie das räumlich Bewegtwerdende ist gleichsam die Eins der Zahl. Und sowohl kontinuierlich denn nun ist die Zeit durch das Jetzt als auch geteilt ist sie nach dem Jetzt, denn auch dies folgt der Raumbewegung und dem räumlich Bewegtwerdenden; nämlich auch die Bewegung und [211] die Raumbewegung ist eine einheitliche durch das räumlich Bewegtwerdende, weil dies ein einheitliches ist (und zwar nicht bloß als jenes, was es gerade je einmal ist, denn dann gäbe es Zwischenlücken, sondern dem Begriffe nach einheitlich), denn dies auch grenzt die frühere und spätere Bewegung ab. Es folgt aber auch dieses in gewissem Sinne dem Punkte, denn auch der Punkt macht die Länge sowohl kontinuierlich, als auch grenzt er sie ab, denn er ist von dem einen der Anfang und von dem anderen das Ende; aber, wann man ihn so nimmt, indem man ihn den einheitlichen als zwei Punkte gebraucht, so muß da ein Stillstand eintreten, wenn ein und derselbe Punkt Anfang und Ende sein soll, das Jetzt hingegen ist darum weil das räumlich Bewegtwerdende eben bewegt wird, immer wieder ein verschiedenes. Folglich ist die Zeit eine Zahl nicht in dem Sinne einer Zahl ein und desselben Punktes, weil derselbe Anfang und Ende wäre, sondern weit eher in dem Sinne der zwei Endpunkte ein und derselben Linie, und nicht eben in dem Sinne der Teile derselben, sowohl wegen des Gesagten (denn man würde dann den Mittelpunkt als zwei gebrauchen, so daß Ruhe sich ergäbe), als auch noch ist augenfällig, daß das Jetzt auch nicht ein Teil der Zeit und auch nicht etwa die Teilung der Bewegung ist, sowie auch die Punkte dies nicht von der Linie sind, sondern die zwei Linien sind Teile der Einen einheitlichen. Also, inwiefern das Jetzt eine Grenze ist, ist es nicht Zeit, sondern nur je nach Vorkommnis könnte es Zeit sein; inwiefern hingegen es das Zählen bewirkt, ist es Zahl; denn die Grenzen gehören nur jenem an, dessen Grenzen sie sind, die Zahl hingegen, z.B. die Zahl dieser bestimmten Pferde, die Zehnzahl, ist außerdem auch anderswo. – Daß demnach die Zeit Zahl einer Bewegung nach dem Früher und Später ist und daß sie kontinuierlich ist (denn sie gehört einem Kontinuierlichen an), ist augenfällig.
12. Kleinste Zahl aber, als die kleinste überhaupt im Allgemeinen, ist die Zwei; als einzeln bestimmte Zahl aber ist sie es wohl in gewissem Sinne, in gewissem Sinne aber auch nicht, so nämlich wie von einer Linie die kleinste Zahl der Menge nach wohl die Zwei oder die Eins ist, der Größe nach aber es gar keine kleinste Zahl gibt, denn immerfort läßt sich jede Linie teilen; folglich ebenso ist es auch bei der Zeit, nämlich kleinste Zeit der Zahl [213] nach ist ein Zeitteil oder zwei Zeitteile; der Größe nach aber gibt es keine kleinste Zeit. – Augenfällig ist |
[220b] aber auch, daß die Zeit nicht schnell und langsam genannt wird, wohl aber viel und wenig und lang und kurz; denn inwiefern sie kontinuierlich ist, ist sie lang und kurz, inwiefern sie aber Zahl ist, ist sie viel und wenig; schnell aber und langsam ist sie nicht, denn auch keine Zahl, mit welcher wir zählen, ist schnell und langsam. – Aber auch ein und dieselbe überall zugleich ist die Zeit, früher und später aber ist sie nicht ein und dieselbe, denn auch die Veränderung als die gegenwärtige ist eine, als die vergangene aber und künftige ist sie eine verschiedene; die Zeit aber ist Zahl, und zwar nicht jene, vermittelst deren wir zählen, sondern die gezählte, von dieser aber ergibt sich, daß sie früher und später immer wieder eine verschiedene ist, denn die einzelnen Jetzt sind immer wieder verschieden; es ist aber die Zahl der hundert Pferde und die der hundert Menschen eine und dieselbe, dasjenige aber, dessen Zahl sie ist, ist verschieden, die Pferde nämlich von den Menschen; ferner sowie es möglich ist, daß eine und die nämliche Bewegung abermals und wieder abermals sei, so auch bei der Zeit, wie z.B. Jahr oder Frühling oder Herbst. – Nicht bloß aber messen wir die Bewegung durch die Zeit, sondern auch durch die Bewegung die Zeit, weil beide sich gegenseitig abgrenzen, denn die Zeit grenzt die Bewegung ab, da sie die Zahl derselben ist, und die Bewegung grenzt die Zeit ab; und wir sprechen von einer vielen oder wenigen Zeit, indem wir sie durch die Bewegung messen, sowie wir auch durch das Zählbare die Zahl messen, wie z.B. durch das eine Pferd die Zahl der Pferde; durch die Zahl nämlich erkennen wir die Menge der Pferde, hinwiederum aber durch das eine Pferd eben die Zahl der Pferde selbst. In gleicher Weise aber ist es auch bei der Zeit und der Bewegung, denn durch die Zeit messen wir die Bewegung, durch die Bewegung aber die Zeit; und dies ergibt sich wohlbegründeter Weise, denn es folgt der Größe die Bewegung, der Bewegung aber die Zeit, dadurch daß diese alle sowohl ein Quantitatives als auch ein Kontinuierliches als auch ein Teilbares sind; denn deswegen weil die Größe derartig ist, hat die Bewegung diese Einwirkung erfahren, wegen der Bewegung aber die Zeit. Und so messen wir sowohl die Größe durch die Bewegung als auch die Bewegung durch die Größe; denn wir sagen von dem Wege, er sei viel, wann [215] das Geben ein vieles ist, und von diesem, es sei ein vieles, wann der Weg ein vieler ist, und ebenso von der Zeit, wann die Bewegung, und von der Bewegung, wann die Zeit. – Da aber die Zeit Maß |
[221a] der Bewegung und des Bewegtwerdens ist, sie aber die Bewegung dadurch mißt, daß sie irgendeine bestimmte Bewegung abgrenzt, von welcher die ganze aufgemessen wird (sowie auch die Elle eine Länge dadurch mißt, daß irgendeine bestimmte Größe abgegrenzt ist, welche das Ganze aufmißt), so ist demnach auch für die Bewegung das, daß sie in einer Zeit ist, Nichts anderes als daß sie und ihr Sein von der Zeit gemessen wird, denn die Zeit mißt zugleich die Bewegung und das Bewegungsein, und dies ist für die Bewegung das in einer Zeit Sein, daß eben ihr Sein gemessen wird. Klar aber ist, daß auch für alles Übrige dies das in einer Zeit Sein ist, daß nämlich sein Sein durch die Zeit gemessen wird; denn das in einer Zeit Sein ist von folgenden Zweien das eine: entweder erstens ist es das, daß etwas in eben jenem Zeitpunkte ist, in welchem die Zeit ist, oder zweitens es ist in der Weise, wie wir von einigem sagen, daß es in einer Zahl ist; dies letztere aber bezeichnet entweder, daß es als Teil und Zustand einer Zahl genommen ist, und überhaupt, daß es etwas von der Zahl ist, oder aber daß es von ihm eine Zahl gibt. Da aber die Zeit eine Zahl ist, so sind das Jetzt und das Früher und alles dergleichen ebenso in der Zeit wie in der Zahl die Eins und das Ungerade und Gerade ist (denn diese letzteren sind irgend etwas von der Zahl, jene aber sind irgend etwas von der Zeit), die faktischen Dinge aber sind in der Zeit als einer Zahl; wenn aber dies, so werden sie von einer Zahl umfaßt wie auch das in einem Orte Seiende vom Orte. Augenfällig aber ist auch, daß das in einer Zeit Sein nicht das ist, daß etwas in eben jenem Zeitpunkte ist, in welchem die Zeit ist, sowie ja auch das in Bewegung Sein oder das in einem Orte Sein nicht das ist; daß etwas in eben jenem Zeitpunkte ist, in welchem die Bewegung oder der Ort ist; denn wenn das »in Etwas« in diesem Sinne wäre, so wären alle Dinge in jedwedem und auch das Himmelsgebäude in einem Hirsenkorn, denn in eben jenem Zeitpunkte, in welchem das Hirsenkorn ist, ist auch das Himmelsgebäude; aber dies ist nur ein je Vorkommendes, hingegen jenes folgt mit Notwendigkeit sowohl für das in einer Zeit Seiende, daß in eben jenem Zeitpunkte, in wel|chem [217] das Hirsenkorn ist, ist auch das Himmelsgebäude; aber dies ist nur ein je Vorkommendes, hingegen jenes folgt mit Notwendigkeit sowohl für das in einer Zeit Seiende, daß in eben jenem Zeitpunkte, in welchem jenes ist, auch eine Zeit sei, als auch für das in einer Bewegung Seiende, daß eben dann auch Bewegung sei. – Da aber das in einer Zeit Seiende in derselben als einer Zahl ist, so wird eine Zahl genommen werden können, welche quantitativ größer ist als ein jedes in einer Zeit Seiende; darum muß notwendig alles in einer Zeit Seiende von einer Zeit umfaßt werden, sowie auch das Übrige alles, was in etwas ist, wie z.B. das in einem Orte Seiende von dem Orte umfaßt wird; und irgendeine Einwirkung denn nun auch muß es von der Zeit erfahren, wie wir auch zu sagen pflegen, daß die Zeit etwas allmählich aufreibt, oder daß alles durch die Zeit altert, und daß man durch die Zeit etwas vergißt, |
[221b] nicht hingegen, daß man durch die Zeit etwas gelernt hat, noch auch, daß man durch sie jung oder schön geworden sei; denn mehr Ursache eines Vergehens ist die Zeit an und für sich, denn sie ist Zahl einer Bewegung, die Bewegung aber verdrängt das Vorhandene. Folglich ist augenfällig, daß das immer Seiende, inwiefern es ein immer Seiendes ist, nicht in der Zeit ist, denn es wird nicht von der Zeit umfaßt, noch auch wird sein Sein von der Zeit gemessen; ein Kennzeichen hiervon aber ist das, daß es auch durchaus keine Einwirkung von der Zeit erfährt als ein eben nicht in der Zeit Seiendes. – Da aber die Zeit Maß der Bewegung ist, so ist sie je nach Vorkommnis auch Maß der Ruhe; denn jede Ruhe ist in einer Zeit; nicht nämlich sowie das in Bewegung Seiende notwendig bewegt werden muß, so auch etwa das in einer Zeit Seiende, denn nicht Bewegung ist die Zeit, sondern Zahl einer Bewegung; in der Zahl der Bewegung aber kann auch das Ruhende sein, denn nicht alles Unbewegliche ruht, sondern nur dasjenige, was von Bewegung entblößt ist, während es von Natur aus dazu bestimmt ist, sich zu bewegen, wie wir in dem Früheren gesagt haben [III, 2]; das in einer Zahl Sein aber ist nichts anderes, als daß es eben eine Zahl des Dinges gibt und daß das Sein desselben durch die Zahl, in welcher es ist, gemessen wird; folglich auch, wenn etwas in einer Zeit ist, wird es durch eine Zeit gemessen; die Zeit aber wird das Bewegtwerdende und das Ruhende messen, inwiefern [219] eben das eine bewegt wird und das andere ruht, sie wird nämlich die Bewegung und die Ruhe derselben messen, wie groß sie quantitativ sei; so daß also nicht das bewegtwerdende Ding schlechthin, inwiefern es selbst ein quantitatives ist, durch die Zeit wird gemessen werden können, sondern nur inwiefern seine Bewegung eine quantitative ist; demnach ist alles, was weder bewegt wird noch ruht, nicht in der Zeit, denn das in einer Zeit Sein ist das, daß etwas durch eine Zeit gemessen wird, die Zeit aber ist Maß von Bewegung und Ruhe. Augenfällig also ist, daß auch nicht alles Nicht-seiende in einer Zeit ist, wie z.B. dasjenige, was nichts anderes als ein Nicht-Seiendes sein kann, so wie das, daß der Durchmesser eines Quadrates mit einer Seite desselben kommensurabel wäre; denn überhaupt, wofern an und für sich die Zeit ein Maß einer Bewegung ist, ein Maß des Übrigen sie aber nur je nach Vorkommnis ist, so ist klar, daß für alles dasjenige, dessen Sein sie mißt, eben das Sein in dem Bewegtwerden oder Ruhm liegen muß. Also alles, was vergehen und entstehen kann und überhaupt, was bald ist, bald nicht ist, muß notwendig in einer Zeit sein; denn es gibt eine größere Zeit, welche über das Wesen sowohl des Seins desselben als auch der es messenden Zeit überragen wird. Von dem Nicht-seienden aber wird dasjenige, was von der Zeit umfaßt wird, teils schon gewesen sein, wie z.B. Homeros einmal |
[222a] gewesen ist, teils wird es erst einmal sein, wie z.B. irgend etwas von dem Künftigen, je nachdem nach einer dieser beiden Richtungen die Zeit es umfaßt, und wenn nach beiden Richtungen, so findet beides statt, nämlich jenes ist dann schon gewesen und wird einmal sein; hingegen was von der Zeit nach keiner Richtung umfaßt wird, das ist weder gewesen noch ist es noch wird es sein; es ist aber dies das derartige unter dem Nicht-seienden dessen Gegenteil immer ist, wie z.B. das immer ist, daß der Durchmesser inkommensurabel ist, und dies wird auch nicht in einer Zeit sein, und demnach also auch nicht das, daß er kommensurabel wäre; daher ist dies immer nicht-seiend, weil es dem immer Seienden entgegengesetzt ist. Jenes hingegen, dessen Gegenteil nicht immer ist, kann sowohl sein als auch nicht sein, und es gibt von ihm ein Entstehen und Vergehen.
13. Das Jetzt aber ist, wie gesagt wurde [Kap. 11 gegen das Ende], die Kontinuität der Zeit, denn es hält die vergangene und [221] künftige Zeit als kontinuierliche zusammen; und überhaupt ist es eine Grenze der Zeit, denn es ist Anfang der einen und Ende der anderen, aber dies nicht so augenfällig wie bei dem ruhig bleibenden Punkte, sondern das Jetzt teilt nur der Potenz nach; und inwiefern es derartig ist, ist das Jetzt immer wieder ein verschiedenes, inwiefern es aber eine Verbindung bewirkt, ist es immer das nämliche, gerade wie bei den mathematischen Linien, denn nicht ja ist da immer der nämliche eine Punkt im Gedanken, indem wir nämlich teilen, ist er ein anderer; hingegen inwiefern er einer ist, ist er der nämliche nach allen Richtungen. So ist auch das Jetzt teils potentielle Teilung der Zeit, teils Grenze und Einheitlichkeit beider Teile; es sind aber Teilung und Vereinigung in bezug auf das nämliche Ding das nämliche, ihrem Sein nach aber sind sie nicht das nämliche. In diesem Sinne nun wird die eine Bedeutung des Jetzt in der Sprache genommen, eine andere aber ist, wenn die Zeit desselben bloß nahe ist: »er wird jetzt kommen«, weil er heute kommen wird; »er ist jetzt gekommen«, weil er heute ankam; die Ereignisse vor Ilium aber sind nicht jetzt geschehen, und auch die Überschwemmung ist nicht jetzt geschehen; und doch ist die Zeit bis zu denselben hin kontinuierlich, aber man sagt nicht so, weil sie nicht nahe sind. – Das »Einst« aber ist eine im Vergleiche mit einem früheren und einem späteren Jetzt abgegrenzte Zeit, wie z.B. einst wurde Troja eingenommen, und einst wird eine Überschwemmung sein; es muß nämlich in bezug auf das Jetzt begrenzt sein; von dieser jetzigen Zeit an also wird es sowohl bis zu jenem hin eine irgend lange Zeit sein, als auch war es eine bis zu dem Vergangenen zurück. Woferne es aber keine Zeit gibt, welche hiermit nicht einst wäre, so möchte wohl jede Zeit begrenzt sein; wird sie also wohl eine Lücke lassen? oder vielmehr nicht, wofern ja immer Bewegung ist; ist sie also immer eine andere, oder nur oftmals die nämliche? klar ja ist es, daß wie bei der Bewegung, ebenso es auch bei der Zeit ist; denn wenn jene irgendeinmal die nämliche und eine wird, so wird auch die Zeit eine und die nämliche sein, wenn aber jene nicht, so auch sie nicht. Da aber das Jetzt Ende |
[222b] und Anfang einer Zeit, aber nicht ein und derselben, sondern Ende der verflossenen und Anfang der künftigen ist, so hat wohl, wie der Kreis gewissermaßen an der nämlichen Stelle das Konvexe und das Konkave hat, so auch die Zeit [223] immer ein Jetzt am Anfange und Ende, und deswegen scheint sie eine immer wieder verschiedene (denn nicht von ein und derselben Zeit ist das Jetzt Anfang und Ende, denn sonst wären an dem nämlichen zugleich die Gegensätze), und sie wird demnach keine Lücke lassen, denn sie ist immer im Anfange begriffen. – Das »Bereits« aber ist jener Teil der künftigen Zeit, welcher nahe an dem gegenwärtigen unteilbaren Jetzt ist, z.B. »wann gehst du«? »ich gehe bereits«, weil die Zeit nahe ist, in welcher er gehen wird, – und von der vergangenen Zeit dasjenige, was nicht weit von dem Jetzt entfernt ist, – z.B. »wann gehst du«? »ich bin bereits gegangen;« den Ausspruch aber, daß Ilium bereits eingenommen sei, sagen wir nicht, weil dies allzu weit von dem Jetzt entfernt ist. – Und das »Soeben« ist der Teil des Vergangenen, welcher nahe an dem gegenwärtigen Jetzt ist, – z.B. »wann kamst du?« »soeben«, wann nämlich die Zeit nahe an dem eben gegenwärtigen Jetzt ist; das »Längst« aber ist dasjenige, was weit entfernt ist. – Das »Plötzlich« aber ist dasjenige, was in einer wegen Kleinheit unmerklichen Zeit sich hervordrängt; jede Veränderung aber bewirkt von Natur aus ein Verdrängen. – In der Zeit aber entsteht und vergeht alles, daher nannten sie auch die einen das Weiseste, der Pythagoreer Paron aber das Unwissendste, weil man in ihr auch vergißt, und dieser letztere sprach richtiger. Klar also ist, daß die Zeit an und für sich mehr Ursache des Vergehens als des Entstehens ist, wie wir auch vorher [Kap. 12] schon sagten, denn die Veränderung an und für sich bewirkt ein Verdrängen; von dem Entstehen und dem Sein aber ist sie nur je nach Vorkommnis Ursache; ein hinreichendes Kennzeichen hiervon aber ist, daß wohl nichts entsteht, ohne daß es gewissermaßen selbst bewegt wird und tätig ist, hingegen wohl es vergeht, auch wenn es durchaus nicht bewegt wird; und gerade dies letztere pflegen wir zumeist ein Vergehen durch die Zeit zu nennen; Nichtsdestoweniger bewirkt aber auch dies nicht aktiv die Zeit, sondern es kommt eben nur vor, daß in einer Zeit auch diese Veränderung vor sich geht. – Daß also nun die Zeit ist, und was sie ist, und in wie vielen Bedeutungen wir das Jetzt gebrauchen, und was das Einst sei und das Soeben und das Bereits und das Längst und das Plötzlich, haben wir hiermit angegeben. [225]
14. Nachdem aber dieses so von uns auseinander gesetzt ist, ist augenfällig, daß jede Veränderung und jedes Bewegtwerdende in einer Zeit ist; denn das Schneller und Langsamer ist bei jeder Veränderung, denn bei allen Dingen zeigt sichs so; ich meine aber hierbei, daß schneller jenes bewegt werde, was früher |
[223a] in den zugrundeliegenden Zustand umschlägt, während es bei gleicher Entfernung und in gleichmäßiger Bewegung bewegt wird (wie z.B. bei der Raumbewegung, wenn von zwei Dingen beide in der Kreisbewegung oder beide geradlinig bewegt werden; und in gleicher Weise auch bei den übrigen Bewegungen); aber nun ist ja das Früher in der Zeit, denn früher und später nennen wir etwas in bezug auf den Abstand gegen das Jetzt, das Jetzt aber ist Grenze des Verflossenen und des Künftigen, so daß wenn die einzelnen Jetzt in der Zeit sind, auch das Früher und Später in der Zeit sein wird, denn worin das Jetzt ist, da ist auch der Abstand vom Jetzt (in entgegengesetzter Weise aber wird das Wort »Früher« in bezug auf die vergangene und in bezug auf die künftige Zeit gebraucht, nämlich in der vergangenen Zeit nennen wir Früher das vom Jetzt Entferntere, Später hingegen das ihm Nähere, in der künftigen Zeit aber Früher das Nähere, Später hingegen das Entferntere); – folglich, da das Früher in der Zeit ist, aber im Gefolge einer jeden Bewegung das Früher ist, so ist augenfällig, daß jede Veränderung und jede Bewegung in einer Zeit ist.
Wert aber einer näheren Erwägung ist auch, wie wohl die Zeit sich zur Seele verhalte, und warum in allem und jedem die Zeit zu sein scheine, sowohl an der Erde als auch am Meere als auch am Himmelsgebäude; oder ist vielleicht das letztere darum, weil die Zeit ein Zustand oder ein Sichverhalten der Bewegung ist (da sie ja die Zahl derselben ist), jenes alles aber ein Bewegbares ist (denn es ist alles in einem Orte), Zeit aber und Bewegung sowohl potentiell als auch aktuell miteinander zugleich existieren. Hingegen ob, wenn keine Seele wäre, dann eine Zeit wäre oder nicht, darüber könnte man eine Schwierigkeit erheben; nämlich wenn das Zählende nicht existieren kann, so kann auch kein Zählbares existieren, und demnach klärlich auch keine Zahl, denn Zahl ist entweder das Gezählte oder das Zählbare; wenn aber nichts anderes seiner Natur nach zum Zählen fähig ist als die Seele und von der Seele die Denkkraft, so ist es unmöglich, daß [227] eine Zeit sei, wenn keine Seele ist, außer eben das, was gerade je einmal die Zeit ist, wie z.B. wofern es möglich ist, daß eine Bewegung ohne unsere Seele ist; das Früher und Später aber ist wohl in der Bewegung, Zeit aber ist dies erst insofern, als es zählbar ist. – Eine Schwierigkeit aber könnte man auch erheben, von welcherlei Bewegung denn die Zeit die Zahl sei, oder ob von der Bewegung jedweder Art; denn sowohl entsteht etwas in der Zeit und vergeht, als auch nimmt etwas zu, als auch ändert sich etwas qualitativ in der Zeit, als auch bewegt sich etwas räumlich. Inwieferne also nun ein solches eine Bewegung ist, gerade insofern ist die Zeit Zahl einer jeden einzelnen Bewegung; darum ist sie die Zahl der kontinuierlichen Bewegung überhaupt im Allgemeinen, |
[223b] nicht aber die irgendeiner bestimmten. Nun aber ist es ja möglich, daß gerade jetzt auch anderes sich bewegt habe, und von einer jeden dieser beiden Bewegungen wäre also dann die Zeit die Zahl; existiert also dann eine zweite Zeit, und wären dann zwei gleiche Zeiten zugleich? – oder vielmehr nicht; denn auf gleiche Weise ist eine Zeit, welche Eine und eine Zugleichseiende ist, die nämliche (der begrifflichen Form nach aber sind auch die nicht zugleich seienden Zeiten die nämliche Zeit); denn wenn z.B. Hunde und Pferde und von beiden sieben sind, so ist die Zahl die nämliche, und so auch ist von jenen Bewegungen, welche zugleich vollendet werden, die Zeit die nämliche; aber von den Bewegungen ist vielleicht die eine schnell, die andere nicht, und die eine eine Raumbewegung, die andere eine qualitative Änderung; die Zeit jedoch ist die nämliche, wofern ja auch die Zahl eine gleiche ist, und sie ist eine zugleich seiende sowohl für die qualitative Änderung als auch für die Raumbewegung; und deswegen sind die Bewegungen wohl verschieden und voneinander gesondert neben einander, die Zeit aber ist überall die nämliche, weil auch die Zahl der gleich vielen Dinge Eine und überall die nämliche und eine Zugleichseiende ist. Da aber die erste die Raumbewegung und von dieser die im Kreise ist, ein jedes Ding aber vermittelst eines ihm gleichartigen gezählt wird, die Einheiten nämlich vermittelst einer Einheit, die Pferde aber vermittelst eines Pferdes, und so auch die Zeit durch irgendeine abgegrenzte Zeit, dabei aber, wie wir gesagt haben [Kap. 12], sowohl die Zeit durch die Bewegung als auch die Bewegung durch die Zeit gemessen wird (dies aber ist [229] darum der Fall, weil durch die der Zeit nach abgegrenzte Bewegung das Quantum sowohl der Bewegung als auch der Zeit gemessen wird), – so ist also, wenn das Ursprünglichste das Maß von allem seinen Gleichartigen ist, die gleichmäßige Kreisbewegung zumeist das Maß, weil die Zahl derselben am kenntlichsten ist; die qualitative Änderung nun und auch die Zunahme und das Entstehen sind nicht gleichmäßig, die Raumbewegung aber ist es. Darum scheint auch die Zeit die Bewegung der Kugel zu sein, weil durch diese die übrigen Bewegungen und auch die Zeit durch diese Bewegung gemessen wird; infolge hiervon aber ergibt sich auch, was gewöhnlich ausgesprochen wird, – nämlich man sagt, die menschlichen Dinge seien ein Kreislauf –, auch für alles Übrige, was eine natürliche Bewegung und ein Entstehen und Vergehen hat; dies aber darum, weil dies alles nach der Zeit beurteilt wird und ein Ende und einen Anfang nimmt, gleichsam wie nach einem gewissen Umlaufe, denn auch die Zeit selbst scheint ein Kreis zu sein; dies aber hinwiederum scheint darum so, weil sie das Maß einer derartigen Raumbewegung ist und selbst von einer derartigen gemessen wird; so daß die Behauptung, es sei das Entstehende von den Dingen ein Kreislauf, Nichts anderes ist als die Behauptung, daß es einen Kreislauf der Zeit gebe, dies aber ist darum so, weil sie durch die Kreisbewegung gemessen wird; denn als nichts |
[224a] anderes neben dem Maße zeigt sich das Gemessene, sondern nur mehrere Maßeinheiten ist das Ganze. Es wird aber auch ganz richtig gesagt, daß die Zahl wohl der Schafe und der Hunde, wann sie bei beiden gleich ist, ein und dieselbe sei, die Zehnheit selbst aber nicht die nämliche sei und auch nicht die nämlichen zehn Dinge, sowie auch Dreiecke nicht die nämlichen sind, wenn das eine gleichseitig und das andere ungleichseitig ist, und doch ist ja die Form die nämliche, weil beides Dreiecke sind; denn »das Nämliche« heißt dasjenige, um dessen ihm eigentümlichen Unterschied etwas sich nicht unterscheidet (nicht aber kommt es bloß darauf an, wovon es sich unterscheide), wie z.B. ein Dreieck unterscheidet sich von einem anderen um einen Dreiecks-Unterschied, und demnach sind solche Dreiecke verschieden, nicht aber unterscheidet es sich um einen Unterschied der Form, sondern da sind sie alle auf einer und der nämlichen Einteilungsstufe; denn von der Form ist die eine so beschaffene ein Kreis, die andere anders beschaffene ein Dreieck, von [231] diesem aber erst das eine so beschaffene ein gleichseitiges, das andere anders beschaffene ein ungleichseitiges; Form also ist die nämliche und eben diese (nämlich ein Dreieck), Dreieck aber ist nicht mehr das nämliche; – also auch die Zahl denn nun ist die nämliche, denn die Zahl jener Dinge unterscheidet sich nicht um einen Zahlen-Unterschied; die Zehnheit aber ist nicht die nämliche, denn die Dinge, von welchen sie ausgesprochen wird, unterscheiden sich, die einen nämlich sind z.B. Hunde, die anderen Pferde. – Und über die Zeit nun, sowohl über sie selbst als auch über das in betreff ihrer der Erwägung Angehörige, haben wir hiermit gesprochen.

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