Tillichs Theorie des Dämonischen

Paul Tillich (1886-1965) befasst sich mit dem Phänomen des Dämonischen vorwiegend aus kultur- und religionsgeschichtlicher Perspektive. Er setzt dabei an der Beobachtung an, dass das Dämonische aus der Perspektive des „abendländischen Bewußtsein[s]“ häufig als Gegenstand sogenannter „primitiven“ Kulturen betrachtet wurde (140). Dabei darf jedoch „primitiv“ nicht im negativen oder privativen Sinne verstanden werden. Vielmehr handelt es sich hier um eine Urform der Darstellung eines religiösen und kulturellen Phänomens. Das Primitive des Dämonischen ist kein Mangel an Form oder Darstellung, sondern konstituiert vielmehr eine eigenständige Realität, die ernstgenommen werden will: „Es gibt ein positives Formwidriges, das in eine künstlerische Form einzugehen imstande ist. Es gibt nicht nur einen Form-Mangel, sondern auch eine Form der Form-Widrigkeit, es gibt nicht nur ein / Minder-Positives, sondern auch ein Gegen-Positives.“ (140 f.) Der Maßstab der klassischen (europäischen) Ästhetik, die Einheit von Ethik und Ästhetik und Harmonie, wird im Dämonischen unterlaufen – jedoch nicht als ein Versagen an der Form, als etwas bloß Amorphes, sondern als „Tatsache des positiv Formwidrigen“, ein „Gegen-Positives, eine positive, d.h. formschaffende Formwidrigkeit“ (141). In dieser Positivität des Dämonischen, welches nicht privativ verstanden werden kann, liegt eine Parallele zum perversionstheoretischen Verständnis des Bösen, wie es Schelling formuliert hat: Es konstituiert eine geistige Realität eigener Art. Tillich beschreibt diese „Positivität“ des Dämonischen als seine „Tiefe“: „Das Dämonische enthält in sich Gestaltzerstörung, die nicht von außen kommt, nicht auf Mangel oder Unmächtigkeit beruht, sondern aus dem Grunde der Gestalt selbst stammt, der organischen wie der geistigen.“ Deswegen liegt im Dämonischen auch etwas originär Schöpferisches: „Dämonie ist gestaltwidriges Hervorbrechen des schöpferischen Grundes in den Dingen.“ (144) Angesichts dieser Ambivalenz von Schöpfertum und Destruktion spricht Tillich von einer „Dialektik“ des Dämonischen: „Die Einheit von formschöpferischer und formzerbrechender Kraft.“ (142) Dass Tillich das Dämonische nicht als etwas Privatives, sondern Perversives fasst, zeigt sich an seiner Auffassung der Sünde: „Das Dämonische ist die Verkehrung des Schöpferischen und gehört als solches zu den Erscheinungen der Wesenswidrigkeit oder Sünde.“ (148)

Tillich grenzt das Dämonische vom Satanischen ab. Der Unterschied zwischen beiden besteht nach Tillich darin, dass das Satanische im Gegensatz zu Dämonischen keine eigene schöpferische Existenz besitzt, also nur eine Seite der Dialektik bezeichnet: „Das Satanische ist das im Dämonischen wirksame negative, zerstörerische, sinnfeindliche Prinzip, in Isolierung und Vergegenständlichung gedacht. Darum ist das Satanische da, / wo es gewollt ist, unfähig, zur Verwirklichung zu kommen.“ (141 f.) Im Satanischen wird also von der schöpferischen Qualität des Dämonischen – auch wenn sie gestaltwidrig ist – abstrahiert.

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