Verfügen Tiere über eine Sprache?

Descartes hatte darauf hingewiesen, dass zur menschlichen Intelligenz besonders die Flexibilität gehört, mit begrenzter Anzahl an Organen und Lauten komplexere Bedeutungen zu konstituieren. Dies betrifft vor allem das Wesen der Sprache. Eine Sprache hat nicht nur Bedeutungsträger (Semantik), sondern auch eine Struktur der Anordnung (Syntax), nach der sich Bedeutungsträger (Wörter) richten müssen. Der Biologe Uwe Westphal hat darauf hingewiesen, dass Vögel über eine „(einfache) Grammatik“ verfügen: „Forscher nahmen Rufkombinationen von Einzelvögeln auf, die zuvor bei Artgenossen eine bestimmte komplexe Reaktion ausgelöst hatten, zerlegten die Rufe im Labor in die Einzellaute und fügten diese in anderer Reihenfolge wieder zusammen. Diese spielten sie anschließend frei lebenden Kohlmeisen vor. Ergebnis: Anders als beim technischen Abspielen der ‚Originalmitteilung‘ reagierten die Vögel nicht darauf. Offensichtlich verstanden sie die solcherart veränderten ‚Sätze‘ nicht mehr.“ Der Linguist Noam Chomsky (*1928) hat besonders darauf hingewiesen, dass das Wesen der Sprache in ihrer Syntax begründet liegt, also der Flexibilität und Produktivität der Komposition angesichts einer endlichen Anzahl von Elementen. Menschenaffen sind in der Lage, Symbole arbiträr zu verwenden, also unabhängig von einer bestimmten starren Referenz. So kann etwa ein roter oder ein blauer Kreis für die Bedeutung „Haus“ stehen. Das epistemische Problem besteht jedoch hierbei darin, zwischen wirklich sprachlicher Kommunikation und bloßer Konditionierung zu unterscheiden. Bedeutet ein arbiträres Zeichen („X“) wirklich etwas für den Menschenaffen, oder ist es nur ein Bestandteil der kausalen Konditionierung „wenn X dann Y“? Das Gorillaweibchen Koko (*4.7.1971; †19.6.2018) soll einmal folgenden Dialog mit ihrer Ausbilderin geführt haben:

Maureen (eine Ausbilderin): Wohin Gorillas gehen, wenn (sie) sterben?
Koko: Angenehm Nest Heia.
Maureen: Wann Gorillas sterben?
Koko: Problem alt.

Diese Antwort liest sich verblüffend verständlich. Doch müsste man, um die Sprachlichkeit dieser Aussage zu bestätigen, nachprüfen, ob tatsächlich hiermit die Bedeutung der einzelnen Elemente gewahrt bleibt. Denn wir neigen viel zu schnell dazu, in Formulierungen Sinn hineinzulesen, auch wenn sie uneindeutig sind. Man müsste also die Bedeutung von „sterben“ in verschiedenen Kontexten darauf hin prüfen, ob sie eindeutig verwendet werden.

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