Zusammenfassung 15. Sitzung, 6.2.2020: Nietzsches Begriff des Triebes

Nietzsches Begriff des Triebes steht nicht nur geschichtlich, sondern auch systematisch zwischen demjenigen Schopenhauers und Freuds. Nietzsche thematisiert den Trieb nicht im Rahmen eines philosophischen Systems, sondern in der Form von Aphorismen, also kurzen, pointierten, abgeschlossenen Gedankenblitzen. Damit möchte Nietzsche der Versuchung entgehen, die gedankliche Entwicklung einem Systemzwang zu unterwerfen, der nicht das Kriterium der Adäquatheit, sondern der Kohärenz zum Prinzip erhebt. Wie nach ihm Freud, so analysiert Nietzsche das Unterbewusste oder Prä-Rationale des Menschen, das er als das eigentlich Dominante ansieht. Nietzsche kehrt damit die platonische und aristotelische Seelenlehre auf den Kopf, die als höchstes Prinzip – über Nährseele und wahrnehmender Seele – das Vernunftvermögen angesetzt hatten. In seiner Schrift Also sprach Zarathustra (1883-1885) schreibt Nietzsche: „Der Leib ist eine grosse Vernunft […]. Werkzeug deines Leibes ist auch deine kleine Vernunft, mein Bruder, die du ‚Geist‘ nennst, ein kleines Werk- und Spielzeug deiner grossen Vernunft.“ (KSA 04:39) Nietzsche differenziert den Leib unter Beibehaltung des antiken Herrschaftsmodells in seiner Schrift Jenseits von Gut und Böse (1886) weiter in verschiedene, jeweils dominante Triebe: „[J]eder Trieb ist herrschsüchtig“. Nietzsche bemerkt, dass der Erkenntnistrieb nur „ein kleines unabhängiges Uhrwerk [ist], welches, gut aufgezogen, tapfer darauf los arbeitet, ohne dass die gesammten übrigen Triebe des Gelehrten wesentlich dabei betheiligt sind.“ Die „Realität der Triebe“ stellt das unhintergehbare Fundament all unserer kognitiven Vermögen und Leistungen dar: „Denken ist nur ein Verhalten dieser Triebe zu einander“. In letzter Hinsicht lässt sich nach Nietzsche „unser gesammtes Triebleben als die Ausgestaltung und Verzweigung Einer Grundform des Willens […] erklären – nämlich des Willens zur Macht.“ Damit interpretiert Nietzsche Schopenhauers Willensbegriff weiter und radikalisiert ihn. Nietzsche geht so weit, dass er selbst moralische Phänomene auf unsere Triebe reduziert: „Unserm stärksten Triebe, dem Tyrannen in uns, unterwirft sich nicht nur unsre Vernunft, sondern auch unser Gewissen.“

In seiner Schrift Morgenröthe (1881/1887) unterscheidet Nietzsche sechs diätetische Strategien, unsere Triebe zu mäßigen und zu beherrschen:

  • Schwächung und „Abdorrung“ durch zeitweise Nichtbefriedigung
  • Zähmung des Triebes durch strenge Gesetze der Befriedigung
  • Übersteigerung des Triebes zur Erzeugung von Ekel und Überdruss
  • Konditionierung und Assoziierung des Triebes mit peinlichen Gedanken
  • In-Konkurrenz-Setzen des Triebes mit anderen Trieben und Ablenkung
  • Asketische Schwächung des Triebes durch Schwächung des eigenen Ichs

Bei allen Trieben und ihrer Befriedigung ist unsere Vernunft „nur das blinde Werkzeug eines anderen Triebes, welcher ein Rival dessen ist, der uns durch seine Heftigkeit quält“. Wir kommen also auch bei der Mäßigung der Triebe nicht aus dem Triebgeschehen heraus.

In der modernen analytischen Philosophie finden sich nur wenige Bezüge zum Triebbegriff. Der US-amerikanische Philosoph Harry Frankfurt (*1929) hat in seinem 1971 erschienenen Aufsatz Willensfreiheit und der Begriff der Person den Begriff des „Triebhaften“ (wanton) geprägt. Darunter versteht Frankfurt ein Wesen, welches zwar Wünsche (bzw. Triebe) hat, und auch Wünsche, die sich auf Wünsche beziehen (sogenannte „Wünsche zweiter Stufe“), diese aber nicht handlungswirksam zu seinem Willen werden lassen möchte: „Das charakteristische Merkmal eines Triebhaften ist, daß ihm sein Wille gleichgültig ist. Seine Wünsche treiben ihn, bestimmte Dinge zu tun, ohne daß man von ihm sagen könnte, er möchte sich von solchen Wünschen bewegen lassen, oder er zöge es vor, von anderen Wünschen zum Handeln veranlaßt zu werden.“ Ein Triebhafter, oder vielleicht besser: ein Getriebener, verhält sich nicht zu seinen Trieben als eigenen Tendenzen, indem er sie zu seinem Willen erhebt, sondern als fremde Instanzen, denen er sich indifferent unterwirft. Frankfurt zählt zu den Triebhaften „alle Tiere […], die nicht Menschen sind, aber Wünsche haben, und alle kleinen Kinder“, eventuell sogar „manche Erwachsene“. Der Triebhafte identifiziert sich nicht mit seinen Trieben. Er „übergeht die Frage, welches sein Wille sein soll. Er folgt nicht nur dem Handlungslauf, dem zu folgen er die größte Neigung hat, sondern es kümmert ihn auch nicht, welche seiner Neigungen am stärksten ist.“

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