Zusammenfassung, 15. Sitzung, 8.2.2019 – Kant (2), Sartre

Kant sah sich vor die problematische Alternative gestellt, dass wir uns die Welt einerseits so denken müssen, dass überall nur Naturnotwendigkeit gilt und keine Freiheit möglich ist, was den Begriff der Ursache unmöglich machen würde, und dass wir uns die Welt andererseits auch so denken müssen, dass es eine absolute Kausalität gibt, die selbst keine Ursache hat, jedoch als solche in der Welt keinen Platz hat, sondern vielmehr die Welt durcheinanderbringen würde (diese Position entspricht in vielerlei Hinsicht dem Libertarianismus). Die beiden Ansichten entspringen nach Kant einem Widerspruch der Vernunft mit sich selbst, was er auch „Dialektik“ nennt. Nun fragt sich Kant, „ob es ein richtig disjunctiver Satz sei, daß eine jede Wirkung in der Welt entweder aus Natur, oder aus Freiheit entspringen müsse, oder ob nicht vielmehr beides in verschiedener Beziehung bei einer und derselben Begebenheit zugleich stattfinden könne.“ Gesucht ist also ein kritischer Weg zwischen Determinismus und absoluter Freiheitskausalität, und zwar so, dass beide ihre jeweilige Geltung behalten (und der Determinismus nicht libertarianistisch zum Indeterminismus abgeschwächt wir) und dennoch koexistieren können. Der Schlüssel zu Kants „transzdententalem Kompatibilismus“ besteht darin, dass er ein anderes Verständnis der Zeit zugrunde legt. Zeit ist nach Kants transzendentalem Idealismus nichts gegenständlich in der Welt Vorkommendes, sondern eine reine Anschauungsform des Subjekts der Erkenntnis. Zeit existiert also nicht in der Erfahrung, sondern vor aller Erfahrung und macht diese als solche erst möglich. Dieses veränderte Zeitverständnis erlaubt es Kant, Freiheit und Determinismus neuartig zusammenzudenken und einen Weg zu eröffnen, wie „ungeachtet in Ansehung eben derselben Wirkung, die nach der Natur bestimmt ist, auch Freiheit stattfinden könne“. Die intelligible Freiheitskausalität ist nach Kant demnach nichts, was in der Zeit existiert, sondern vor aller Zeit erst Erfahrung möglich macht. Demnach ist die naturgesetzlich und zeitlich beschreibbare Welt nur ein empirischer Ausdruck der Freiheitskausalität: „Die Wirkung kann also in Ansehung ihrer intelligibelen Ursache als frei und doch zugleich in Ansehung der Erscheinungen als Erfolg aus denselben nach der Nothwendigkeit der Natur angesehen werden.“ Kant ist also weder als Libertarier noch als klassischer Kompatibilist anzusehen. Das hat den amerikanischen Kant-Forscher Allen Wood dazu verleitet, seine Theorie als Versuch eines „Kompatibilismus von Kompatibilismus und Inkompatibilismus“ zu bezeichnen. Noch treffender ist aber wohl die Charakterisierung als „Kompatibilismus von Libertarianismus und Determinismus“.

Jean-Paul Sartre wendet sich dem Problem von Freiheit und Determinismus vor dem Hintergrund einer phänomenologischen Analyse der Handlung zu. Die Besonderheit der Handlung besteht darin, dass sie intentional ist, also eine Richtung auf ein Objekt aufweist, welches durch Ergreifen bestimmter Mittel erst noch realisiert werden soll. Handeln ist also immer auf ein Desiderat aus, auf einen „objektiven Mangel“, den Sartre auch „Negatität“ nennt. Dadurch ist es dem selbstbewussten Akteur möglich, eine Gegenwelt zur faktischen Welt zu entwerfen, die erst noch verwirklicht werden soll. Man könnte sagen, dass im Selbstbewusstsein und der Negativität der Intentionalität eine Form von negativer Freiheit enthalten ist. Daraus folgt nach Sartre, dass ein faktischer Zustand (das An-Sich) keine Handlung motivieren kann, da ihm die Negativität fehlt, die erst im Selbstbewusstsein (dem Für-Sich) auftritt, indem Negativität und Alternativität möglich wird. Sartre spricht dem selbstbewussten Subjekt sogar ein „Nichtungsvermögen“ zu, welches ein Vermögen der Projekte ist, und mit Robert Musil auch „Möglichkeitssinn“ genannt werden könnte. Sartre argumentiert damit gegen Determinismus und Indifferentismus. Der Indifferentismus kann die Sinnhaftigkeit und kausale Kraft eines Entwurfs und Motivs nicht verständlich machen. Der Determinismus wird der Rolle der reflexiven Negatität des Entwurfs des Selbstbewusstseins nicht gerecht: „In keinem Fall und auf keine Weise kann die Vergangenheit von sich aus eine Handlung hervorbringen, das heißt die Setzung eines Zwecks, der sich zu ihr zurückwendet, um sie zu beleuchten.“ Das Sein in seinem Determinismus ist nicht reflexiv, das Bewusstsein durch sein Nichtungsvermögen hingegen schon. Damit scheint Sartre eine Art von reflexivem Libertarianismus zu vertreten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.