Zusammenfassung 3. Sitzung, 31.10.2019 – Herder

Im Triebbegriff und im Begriff der Bildung ist eine Doppeldeutigkeit angelegt: eine Dynamik, die sowohl natürliche Entwicklungen wie auch die freie vernünftige Bildung des Menschen betreffen kann. Diese Spannung zwischen Natur und Vernunft kann dadurch aufgehoben werden, dass der Mensch als vernünftiges und freies Wesen selbst als Teil und Produkt der natürlichen Entwicklung angesehen wird, er sie gewissermaßen aufnimmt und fortsetzt. In seinen Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, die zwischen 1784 und 1791 entstanden, entwickelt Herder ein umfassendes Bild der Schöpfung, das alle Dinge in eine Ordnung zunehmender Komplexität und Form-Bildung bringt. Diese morphologische Entwicklung steht innerhalb eines größeren theologischen Kontextes und wird ermöglicht durch Triebe und Kräfte, die durch die Formen wirksam sind. Ganz zuunterst stehen in dieser hierarchischen Morphologie die Klasse der anorganischen Dinge, zu denen Herder der Reihe nach Steine, Kristalle und Metalle zählt. Der Übergang vom Stein zum Kristall ist nachvollziehbar, da ein Stein noch recht amorph erscheint, während ein Kristall eine ganz bestimmte Form und Organisation aufweist, die er beibehält, auch wenn er zerschlagen wird. Warum Herder die Metalle über den Kristallen anordnet, ist etwas unklar. Es könnte damit zusammenhängen, dass Metalle häufig aufgrund ihrer Eigenschaften wie Formbarkeit und Seltenheit als wertvoller erscheinen. Aus physikalischer Sicht könnte man hier eine komplexere Atomare Struktur anführen. Dem Anorganischen folgt das Organische, und zwar in der Reihenfolge der Pflanzen, Tiere und Menschen. Interessant ist hierbei, dass Herder Mensch und Tier kategorisch voneinander unterscheidet. Diese Auffassung wird in der heutigen Biologie und Anthropologie nicht mehr vertreten, da hier der Mensch nur als ein menschliches Tier unter vielen anderen Tieren gilt. Herder vertritt also die Position eines Anthropozentrismus – die natürliche Entwicklung findet im Menschen ihr letztes Ziel. Damit vertritt Herder wiederum eine Teleologie: Die natürliche Schöpfung zielt auf den Menschen ab. Deswegen kann Herder den „Zusammenhang der Kräfte und Formen“ auch als „Fortschreitung“ der Schöpfung bezeichnen (S. 163).  Als solche ist sie intern organisiert und aufeinander abgestimmt. Man könnte hier von einer „Ökonomie der Natur“ sprechen, die Herder selbst als „Vorratshaus des Lebendigen“ bzw. als „Haushaltung“ bezeichnet (S. 155). Herders Morphologie lässt sich als eine Präformationstheorie näher beschreiben, die im Gegensatz zur Theorie der Epigenese steht. Demnach liegt der gesamten Entwicklung der Schöpfung eine „herrschende Ähnlichkeit der Hauptform“ zugrunde, die sich vom Stein bis zum Mensch kontinuierlich immer weiter ‚aufklärt‘ (S. 154) und die Herder auch als „fortgehende Analogie“ (S. 159) bezeichnet. Epigenetische Theorien hingegen nehmen an, dass sich die Form während der Entwicklung von Lebewesen strukturell ändert. Die heutige Evolutionstheorie steht der Epigenese näher, was man bereits an der Entwicklung eines Embryos sieht, der in seinen ersten Stadien bei unterschiedlichen Tierarten sehr ähnlich ist, in der folgenden Entwicklung dann aber immer mehr Unterschiede aufweist. Der Verfeinerung und Aufklärung der (präformierten) Form entspricht nach Herder auch die Verfeinerung der Triebe. Pflanzen besitzen nur den Trieb zur Nahrung und Fortpflanzung, während nach Herder Insekten und Vögel ein „Kunstwerk“ besitzen (z.B. ein Spinnennetz oder ein Nest). Die höchsten Triebe bezeichnen die menschlichen Vermögen der Vernunftfähigkeit, der Freiheit und der Humanität des Menschen. Herder spricht in diesem Zusammenhang auch von der „Bildung“ als „Wirkung innerer Kräfte“, welche die Morphologie bestimmt (S. 159). Herder denkt den Übergang der verschiedenen Gestalten als „Transformation in höhere Lebensformen“ (164). Pflanzen nehmen Elemente bzw. „feinere Kräfte“ wie Öl, Eisen und Schwefel aus der Natur auf und „läutern“ und „bilden“ sie hinauf. Ebenso verhält es sich mit Tieren, die wiederum die Pflanzen fressen und damit verfeinern und sublimieren. Am Ende steht der Mensch, der Tiere isst: „Unter allen Tieren ist das Geschöpf der feinsten Organe, der Mensch, der größeste Mörder. Er kann beinah alles, was an lebendiger Organisation nur nicht zu tief unter ihm steht, in seine Natur verwandeln.“ (164) Damit laufen alle Kräfte und Triebe der Natur im Menschen telelogisch zusammen: Wir können nach Herder „das Menschengeschlecht als de[n] große Zusammenfluß niederer organischer Kräfte ansehen, die in ihm zur Bildung der Humanität kommen sollten.“ (S. 166) Indem sich die natürlichen Triebe und Formen im Menschen erst aufklären, vertritt Herder die These, dass sie zu „geistige[n] Kräften“ transformiert werden (S. 170). Alle Vermögen und Triebe des Menschen besitzen ihre höchste Bestimmung in der Humanität, also der moralischen Koexistenz vernünftiger und freier Wesen.

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