Zusammenfassung Trieb-Seminar 2. Sitzung, 24.10.2019 – Einführung

Warum sollte man sich philosophisch gerade mit dem Begriff des Triebes beschäftigen? Ist er nicht ein Inbegriff des Irrationalen und Unbewussten, etwas, was gar nicht begrifflich zugänglich ist? Der Begriff des Triebes steht im Kontext zahlreicher anderer Begriffe, wie Wille, Wollen, Begehren, Neigung, Reiz, Streben, Bedürfnis, Kraft, Motiv, Motivation, Intention, Drang, Appetit. Häufig wird der Trieb als eine Form des unreflektierten Begehrens aufgefasst, also dem freien Willen entgegengesetzt. Folgen wir unmittelbar unseren Trieben, so handeln wir fremdbestimmt (heteronom), reflektieren wir hingegen auf unsere Triebe, und geben wir manchen aus bestimmten Gründen den Vorzug, so handeln wir selbstbestimmt (autonom). Fest steht, dass der Trieb eine Form von dynamischer Realität bezeichnet. Der Trieb ist eine Energiequelle, ein Realitätsprinzip. Um Vorstellungen und Ziele, die bloße Möglichkeiten bezeichnen, zu realisieren, benötigen wir einen Antrieb, der freilich noch gelenkt werden muss. Wir wissen oft nicht, woher der Trieb stammt und wohin er uns führt. Wir müssen also unsere Triebe „im Griff“ haben und sie „zügeln“. Triebe werden häufig als „blind“ bezeichnet, und sie müssen erst ausgerichtet werden, um fruchtbar zu sein. Platon spricht von drei Seelenteilen des Menschen, von denen mindestens zwei triebhaft strukturiert sind: dem begehrenden (orektikón), dem muthaften (thymoeidés) und dem vernünftigen (logistikón). In seiner Schrift Phaidros schreibt Platon über das Wesen der Seele, „[e]s gleiche […] der zusammengewachsenen Kraft eines befiederten Gespannes und seines Führers. Der Götter Rosse und Führer nun sind alle selbst gut und guter Abkunft, die andern aber vermischt. Zuerst nun zügelt bei uns der Führer das Gespann, demnächst ist von den Rossen das eine gut und edel und solchen Ursprungs, das andere aber entgegengesetzter Abstammung und Beschaffenheit. Schwierig und mühsam ist daher natürlich bei uns die Lenkung. […] [D]as vom Schlechten etwas an sich habende Roß, wenn es nicht sehr gut erzogen ist von seinem Führer, beugt sich zum Boden hinunter und drückt mit seiner ganzen Schwere, woraus viel Beschwerde und der äußerste Kampf der Seele entsteht.“ (246ab)

Fest steht, dass der Begriff des Triebes etwas Dynamisches beinhaltet, welches sich, bei genügender Reflexion und vernünftiger Durchdringung, als Freiheit des Willens entpuppen kann. Vom Trieb zur Freiheit ist jedoch ein gewisser Weg zurückzulegen, der als Bildungsgang charakterisiert werden kann. Häufig wird diesbezüglich von einem „Bildungstrieb“ (lat. nisus formativus) gesprochen. Es handelt sich dabei um eine innere Tendenz der Entfaltung, die nicht auf einen Schlag, sondern nur sukzessive erfolgen kann.

Deswegen impliziert der philosophische Begriff des Triebes nicht selten auch eine geschichtliche Dimension.Folgende Fragen lassen sich an alle philosophischen Denker des Triebes richten:

  • Ist der Trieb eine anthropologische oder eine metaphysische Größe?
  • Ist der Trieb auf ein Individuum/Subjekt oder auf ein universales Prinzip bezogen?
  • Wie viele Triebe kennen die jeweiligen Denker?
  • Wie verhalten sich die Triebe zueinander?

Der philosophische Begriff des Triebes steht damit im Zwischenbereich von Anthropologie (Lehre von der menschlichen Natur), Psychologie und Metaphysik.

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