Zusammenfassung 6. Sitzung, 21.11.2019 – Immanuel Kants Teleologie

Während Herder, Blumenbach und Goethe eine teleologische Auffassung der Natur und der Triebe vertraten, wird Teleologie bei Kant nun problematisch. Die Natur ist ihm zufolge nicht objektiv zweckmäßig verfasst, sondern wir dürfen ihr nur eine „subjektive Zweckmäßigkeit“ zusprechen. Kant verlagert damit die Frage nach der Teleologie von der Natur in unsere Erkenntnisbedingungen. Verantwortlich für die teleologische Naturauffassung ist unser Vermögen der reflektierenden Urteilskraft. Wir finden in der Natur lebendige Organismen vor und können nicht anders, als diese als einheitlich und zweckmäßig verfasst zu beurteilen. Wir subsumieren in diesem Urteil ein konkretes Einzelding unter einen Begriff, von dem wir jedoch nicht berechtigt sind, ihn als objektiv gültig anzunehmen. Anders verhält es sich hingegen mit dem Begriff der Kausalität im Sinne einer Wirkursächlichkeit. Alles, was sich in der Natur objektiv ereignet, unterliegt nach Kant den (wirkursächlich strukturierten) Naturgesetzen. Unsere Beurteilung der Natur als nicht nur wirkursächlich, sondern darüber hinaus zweckursächlich strukturiert, sagt also mehr über unsere Denk- und Erkenntnisweise als über die Natur selbst aus. Dennoch ist eine teleologische Beurteilung der Natur nach Kant durchaus sinnvoll. Es handelt sich dabei nämlich um ein „regulatives Prinzip“ der Beurteilung der Natur, die uns hilft, die Natur nach größeren Zusammenhängen zu ordnen. Die teleologische Betrachtung der Natur ähnelt in gewisser Weise Goethes Morphologie. Denn auch diese wendet den Blick auf die zweckhaften Formen und Großzusammenhänge der Natur. Kant bestimmt die Idee eines „Naturzweckes“ eines Dinges dadurch, dass es „von sich selbst […] Ursache und Wirkung ist“. Darin ist eine gewisse Form von Selbstbezüglichkeit enthalten, denn der Baum wird von Mitgliedern derselben Art gezeugt, und er erhält seine Identität durch Nutrition und Reparation aufrecht. Kant spricht mit Blick auf die (Re)generation und Nutrition von Bäumen davon, dass diese eine große „Originalität des Scheidungs- und Bildungsvermögens“ von Stoffen besitzen, durch die sie ihr Leben erhalten. Dies sind alles Merkmale, die Blumenbach dem Bildungstrieb zugeschrieben hatte. Im Unterschied zu Blumenbach und Goethe ist nach Kant ein Naturzweck jedoch nichts, was sich objektiv in der Natur findet und dort am Werk ist. Vielmehr handelt es sich dabei um ein Beurteilungsschema – eine Art Brille – mit der wir auf die Natur blicken und dadurch größere Zusammenhänge als bloße Ursache-Wirkungs-Mechanismen erblicken. Kant kritisiert also an der teleologischen Betrachtung der Natur, dass wir ihr damit eine gewisse Subjektivität (Zwecke, Vermögen, Ziele) unterstellen, die eigentlich nur dem freien menschlichen Willen und der praktischen Vernunft zukommt. In der teleologischen Betrachtung der Natur unterliegen wir also einem Anthropomorphismus: Wir denken sie in Analogie zu unserem Willensvermögen. Kant sagt deswegen auch über Blumenbachs Begriff des Bildungstriebes, dass dieser „eine problematische Idee“ sei, „welche die Grenzen möglicher Erfahrung überschreitet“.

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