Donald Davidson über denkende Tiere

In seinem Aufsatz „Rationale Lebewesen“ untersucht Donald Davidson (1917-2003) die Frage, wie Denken und Sprache miteinander zusammenhängen und was Lebewesen zu rationalen Lebewesen macht. Als entscheidendes Kriterium erweist sich dabei das Besitzen von propositionalen Einstellungen, die „ein interessantes Kriterium für Rationalität dar[stellen]“ (118) (also Gedanken, die sich in eine „dass-Form“ bringen lassen). In diesem Zusammenhang macht sich Davidson auch Gedanken zum Verhältnis von Philosophie und empirischer Wissenschaft bei der Bestimmung des „Geistes der Tiere“. Ihm zufolge ist es „keine ganz und gar empirische Frage“, ob Tiere über geistige Fähigkeiten verfügen, denn zum einen muss philosophisch bestimmt werden, worin geistige Akte bestehen (z.B. eine Sprache oder propositionale Einstellungen zu haben), zum anderen muss ein Kriterium entwickelt werden, mithilfe dessen entschieden werden kann, ob ein Tier diese Eigenschaften besitzt. Erst dann kommt die empirische Wissenschaft ins Spiel.

Entscheidend für Davidsons Rationalitätstheorie ist, dass propositionale Einstellungen nicht isoliert im Geist vorkommen, sondern einen kontextuellen Charakter aufweisen: „[S]ie treten nur in einem aufeinander abgestimmten Ensemble auf“, und sind bestimmt durch ein „reichhaltiges Muster von Überzeugungen, Wünschen“ (118). Eine propositionale Einstellung ist gewissermaßen die Spitze eines Eisberges, der durch Überzeugungen und Absichten fundiert ist. Anders formuliert: Propositionale Einstellungen besitzen einen „intrinsisch holistische[n] Charakter“ (118), d.h. eine ‚Ausstrahlung‘ und ‚Aura‘, die sie relational umgibt und mit anderen geistigen Akten in eine Beziehung setzt.

Davidson bezieht sich nun kritisch auf das Beispiel von Norman Malcolm, in welchem ein Hund vor einem Baum wartet und die Überzeugung zu haben scheint, dass sich eine Katze auf ihm befindet, nachdem er sie aus den Augen verloren hat. Davidson bemerkt dazu: „Um die Überzeugung zu haben, dass die Katze die Eiche hochgeklettert sei, muss ich zahlreiche wahre Überzeugungen in Bezug auf Katzen und Bäume haben, von dieser Katze und diesem Baum, dem Ort, der äußeren Erscheinung, den Gewohnheiten von Katzen und Bäumen usw.“ Dies macht die Sache also wesentlich komplizierter als ursprünglich gedacht. Davidson interpretiert nun auch Gedanken und Intentionen im holistischen Sinne von propositionalen Einstellungen. Ein Gedanke existiert nach Davidson nie isoliert, sondern „in einem logischen Netz anderer Gedanken“. Das Vorliegen einer einzigen Proposition impliziert eine holistische Ordnung von Überzeugungen, die bis zu einem gewissen Grad kohärent sein müssen: „Eine einzige propositionale Einstellung zu haben heißt, eine weitgehend korrekte Logik zu haben, d. h. ein logisch kohärentes Muster von Überzeugungen zu haben.“ Da Überzeugungen immer holistisch verfasst sind, stellt sich die Frage, ob der Hund dann auch denkt, „dass die Katze denselben Baum hochgeklettert sei wie letztes Mal, als der Hund sie gejagt hat?“ Dies scheint nach Davidson bei Hunden sehr unwahrscheinlich zu sein: „Wenn wir einem Hund wirklich auf verständliche Weise einzelne Überzeugungen zuschreiben können, müssen wir imstande sein, uns vorzustellen, wie wir entscheiden würden, ob der Hund viele andere Überzeugungen von jener Art hat, die notwendig sind, um den ersten Überzeugungen einen Sinn zu geben. Ganz gleichgültig, wo wir beginnen: Mir scheint, dass wir bald bei einer Art von Überzeugungen ankommen, von denen wir überhaupt nicht wissen, wie wir von ihnen sagen können, ob ein Hund sie hat, und die doch gleichzeitig solcherart sind, dass unsere erste zuversichtliche Zuschreibung ohne sie zweifelhaft erscheint.“

Davidson sieht Denken und Sprache aufs Engste verknüpft und vertritt die These, „dass ein Geschöpf keinen Gedanken haben kann, wenn es nicht über Sprache verfügt.“ Das Verhalten von Tieren lässt sich damit nur dann als gedanklich strukturiert verstehen, wenn es selbst holistische Züge aufweist. Es folgt daraus, „dass man ein sehr komplexes Verhaltensmuster beobachten muss, um die Zuschreibung eines einzigen Gedankens zu rechtfertigen. Oder genauer gesagt: Es muss gute Gründe geben, um zu glauben, dass es ein derart komplexes Verhaltensmuster gibt. Und wenn ein solches komplexes Verhaltensmuster nicht tatsächlich vorliegt, gibt es keinen Gedanken. Ich denke, dass es ein solches Muster nur gibt, wenn der Handelnde über Sprache verfugt. Stimmt dies, so ist Malcolm nur dann berechtigt, seinem Hund Denken zuzuschreiben, wenn er auf der Grundlage guter Evidenz glaubt, dass sein Hund über Sprache verfügt.“

Davidson ist also zumindest skeptisch, dass Tiere über Sprache und Gedanken verfügen und zwar deswegen, weil Gedanken zu haben bestimmte weitere Erfordernisse und Bedingungen nach sich zieht. Damit rückt er in eine systematische Nähe zu Descartes. Anders jedoch als dieser setzt er das Kriterium nicht in die Einheit des Selbstbewusstseins, sondern in die Einheit bzw. Kohärenz des Kontextes, innerhalb dessen und aus dem heraus erst ein bestimmter Gedanke entstehen kann.

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