Plotin und Thomas von Aquin über das Gute (16.5.2018)

Die Rede von dem „Guten“ ist problematisch. Denn die Substantivierung von „gut“ legt nahe, dass es etwas absolut Gutes gibt. Hier stellt sich dann die Frage, wie dieses absolut Gute mit der konkreten Lebenswelt und den menschlichen Handlungen zusammenhängt und wie es sich darin realisieren kann und lässt. Auch stellt sich die Frage, ob alles konkrete Gute an dem Guten oder der Idee des Guten (nach Platon) teilhat, oder ob das Gute nicht je nach Tätigkeit, Perspektive und Interesse differenziert werden muss (nach Aristoteles). Schließlich stellt sich die Frage, wie im Guten Normativtät (also Werthaftigkeit) und Ontologie (also ‚Seinshaftigkeit‘) miteinander zusammenhängen. Ist das Gute mehr seiend als das Schlechte? Wie genau hängen sie miteinander zusammen? Der Neuplatoniker Plotin (205-270 n. Chr.) steht in einer platonischen Tradition. Er vertritt die Auffassung, dass das Gute (agathón) und das Eine (hén) aufs Engste miteinander verbunden sind. Beide sind noch ursprünglicher als der Geist und die Ideen. Er knüpft damit an Platons These an, dass das Gute „jenseits des Seins“ stehe. Der Geist zerfällt in das Denken und das Gedachte, ist also in sich differenziert, wie auch die Ideen oder die Begriffe verschiedene Merkmale oder Eigenschaften unter sich fassen. Das Eine ist dagegen begrifflich in sich homogen und nicht differenziert, weshalb es sich als das Erste oder Absolute eignet. Das Gute hingegen ist das Erste in einem normativen Sinn. Es ist dasjenige, was allem anderen vorzuziehen ist, eben weil es gut ist. Es ist damit der Flucht- und Zielpunkt aller unserer Strebungen. Aufgrund dieser Transzendenz des Einen und Guten vertritt Plotin die Auffassung, dass es sich gar nicht wissenschaftlich, d.h. begrifflich fassen lasse. Denn die Begriffe zergliedern ihren Gegenstand, was aber im Falle des Einen und Guten gar nicht möglich ist. Es bleibt deswegen nur die Möglichkeit, das Eine und Gute zu „schauen“, was eine unmittelbare Wahr-Nehmung bedeutet.

Der mittelalterliche Philosoph Thomas von Aquin (1225-1274) befasst sich mit der Ontologie guter Handlungen. Hier stellt sich ihm vor allem die Frage, wie schlechte Handlungen erklärt werden können. Er vertritt die These, dass das Gute mit der Fülle des Seins zu tun hat, dass also gute Handlungen in einer direkten Analogie zu guten Dingen stehen. Wie ein Gegenstand oder Mensch einen Defekt haben kann, und damit in seiner Seinsfülle eingeschränkt ist, so kann auch eine Handlung in ihrem Gutsein eingeschränkt sein. Das Schlechte ist insofern vom Guten abhängig, als es eine Reduktion des Guten bedeutet, ohne dass dadurch das Gute oder das Sein ganz ins Nichts aufgehoben wäre. Thomas von Aquin vertritt damit eine Privationstheorie des Schlechten und Bösen: Dasjenige ist schlecht oder böse, was in seiner Seinsfülle reduziert ist. Darin stimmt er wiederum mit Platon überein, der die Auffassung vertreten hatte, dass das Schlechte sich zum Guten wie der Schatten zur Sonne verhalte.

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