Zusammenfassung 1. Sitzung, 19.10.2018: Einführung in die Freiheitsproblematik

Das Verhältnis von Freiheit und Determinismus ist sehr komplex. Zunächst kann man einen negativen von einem positiven Freiheitsbegriff unterscheiden. Negative Freiheit ist die Freiheit von etwas, z.B. von äußerem Zwang, oder dem Unterliegen der Naturgesetze. Positive Freiheit ist die Freiheit zu etwas, z.B. zum Realisieren eigener Zwecke und Willensabsichten. Der Freiheitsbegriff kann weiter unterschieden werden in Handlungsfreiheit und Willensfreiheit. Handlungsfreiheit bedeutet, dass eine Person tun kann, was sie will. Nicht erfordert wird hierbei, dass sie selbst Autorin ihres Willens ist, sondern nur, dass sie, sofern sie in sich Willensstrebungen vorfindet, diese auch in eine Handlung überführen kann. Denkbar wäre hier etwa, dass eine Person einen „Willenschip“ eingepflanzt bekommt. Sie wäre dann handlungsfrei, wenn sie das so Gewollte realisieren könnte. Willensfreiheit ist hingegen noch anspruchsvoller. Hier wird erfordert, dass der Wille selbst bzw. der Prozess der Willensbildung der Freiheit der Person zugänglich und verfügbar ist. Man könnte auch, etwas paradox formuliert, sagen, dass die Person wollen kann, was sie will, wobei es sich dabei um Wollungen verschiedener Ordnungen handelt. Bei der Willensfreiheit geht es also gewissermaßen um „innere Handlungen“, die die Bildung und Reflexion des Willens betreffen, nicht so sehr die „äußere Handlung“ in der Welt. Vollkommene Freiheit scheint dann vorzuliegen, wenn eine Person ihren Willen bestimmen kann, wie sie will, und wenn sie das so Gewollte auch in die Tat umsetzen kann. Im Seminar wird der Blick vor allem auf der Willensfreiheit liegen. Hier werden weitere Begriffe zentral: derjenige der Autonomie, also Selbstgesetzgebung, der Urheberschaft und Spontaneität.

Bezieht man nun Freiheit auf Determinismus, so kann man zwischen verschiedenen Positionen unterscheiden: Inkompatibilisten sagen, dass sich Freiheit und Determination (also durchgängige Bestimmtheit all dessen, was existiert) nicht vertragen. Daraus können verschiedene Schlüsse gezogen werden: Entweder muss deswegen, weil wir frei sind, der Determinismus falsch sein (das sind die sogenannten Libertarier). Oder aber, wir müssen unsere Freiheit aufgeben (das sind die sogenannten Freiheitsskeptiker). Denn wie sollen wir anders wollen (und handeln) können, als wir es faktisch tun, wenn bereits vor unserer Geburt fest stand, wie wir handeln werden? (das ist das sogenannte „Konsequenzargument“)

Kompatibilisten hingegen vertreten die Auffassung, dass sich Determinismus und Freiheit sehr wohl miteinander vertragen. Wie aber können wir frei sein, wenn unser Wollen und Handeln bestimmt ist? Setzt Freiheit nicht vielmehr Unbestimmtheit (Indifferenz) voraus? Offenbar nicht. Denn wie das Beispiel von Buridans Esel zeigt, der zwischen zwei exakt gleichgroßen Heuballen steht, gelangen wir aus der Indifferenz nicht zur freien Entscheidung. Wir verharren vielmehr in Unentschiedenheit. Kompatibilisten setzen deswegen häufig am Begriff des Determinismus an und unterscheiden zwischen verschiedenen Bedeutungen. Denn Determinismus ist nicht dasselbe wie Notwendigkeit, und selbst der Begriff der Notwendigkeit lässt sich noch weiter in bestimmte Formen unterscheiden.

Der Begriff des Determinismus hängt eng mit dem Begriff der Kausalität zusammen. Hier stellt sich die Frage, ob es nur eine Art oder gar mehrere Arten von Kausalität gibt. Immanuel Kant unterschied zwischen einer Kausalität der Natur und einer Kausalität aus Freiheit. In der neueren Debatte wird zwischen Ereigniskausalität und Akteurskausalität (bzw. Agenskausalität) unterschieden. Hier stellt sich wieder die Frage, wie beide Arten von Kausalität miteinander kompatibel sein können.

In der neueren Debatte der Hirnforschung wurde aus der Sicht des neuronalen Determinismus behauptet, dass unsere Entscheidungen bereits feststehen, bevor wir sie bewusst eingehen (vgl. das sogenannte „Libet-Experiment“). Doch krankt diese Debatte daran, dass hier nicht genau genug zwischen verschiedenen Formen des Determinismus und der Freiheit unterschieden wird. Ziel des Seminars soll es deswegen sein, durch begriffliche Unterscheidungen Argumente gegen die allzu schnelle Infragestellung unserer Freiheit zu gewinnen.

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